Dieter Brockmeyers Navigationshilfe durch den Tsunami der Zukunft
Die Welt hat Schwindel. Dieter Brockmeyer, den ich seit vielen Jahren kenne und schätze, diagnostiziert diesen Zustand präzise in seinem neuen Buch „Resilienz – Überleben zwischen Deep-Tech Revolution und Globalem Umbruch“. Und er macht deutlich: Der Schwindel kommt nicht von ungefähr. Wir sind dem Tempo nicht gewachsen.

Der permanente Beschleunigungsrausch
Was früher Generationen Zeit hatte zu reifen, bricht heute in Monaten über uns herein. ChatGPT, Quantencomputer, synthetische Biologie – die Innovationswellen folgen in immer kürzeren Abständen aufeinander. Brockmeyer verweist auf ein eindrückliches historisches Beispiel: Der Buchdruck brauchte zwei Jahrhunderte, die Dampfmaschine einige Jahrzehnte, um sich durchzusetzen. Heute geschieht alles gleichzeitig und überall. Die Anpassung an eine Welle ist noch nicht abgeschlossen, da bahnt sich bereits die nächste ihren Weg.
Der Autor hat recht: Uns fehlt die Zeit zum Durchatmen. Das Buch ist daher weniger eine technische Abhandlung über Deep-Tech als vielmehr eine dringend notwendige Reflexion über die Frage: Wie bleiben wir handlungsfähig, wenn die Welt schneller dreht als unser Gehirn mitkommt?
Innovations-Resilienz statt Widerstand
Der zentrale Begriff – Innovations-Resilienz – ist klug gewählt. Brockmeyer macht deutlich: Es geht nicht darum, Innovation zu widerstehen. Das wäre aussichtslos. Innovation ist allgegenwärtig, nicht beeinflussbar. Die Frage ist: Wie bewältigen wir die Veränderungen, die sie auslöst?
Hier zeigt sich Brockmeyers analytische Stärke. Er denkt systemisch, seziert nicht nur die technologischen Entwicklungen selbst, sondern ihre Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft, Klimapolitik und internationale Beziehungen. Die vier Szenarien – von Datensicherheit über die Zukunft der Arbeit bis hin zu ethischen Fragen – sind keine dystopischen Fantasien, sondern nüchterne Extrapolationen dessen, was bereits begonnen hat.

Immer wieder kreist Brockmeyer um ein zentrales Thema: Bildung. Nicht als bloße Qualifikation für den Arbeitsmarkt, sondern als ganzheitliche, lebenslange Vorbereitung auf Veränderung. Er plädiert für ein neues Studium Generale, für eine Bildung, die nicht nur praktische Fähigkeiten vermittelt, sondern Denkweisen formt.
Das klingt zunächst idealistisch. Doch Brockmeyer unterfüttert seinen Ansatz mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Menschen ändern ihr Verhalten langfristig nur, wenn sie sofortige Belohnungen erhalten – eine Erkenntnis mit enormen Konsequenzen für Politik und Unternehmensführung. Statt zu verbieten, müssen wir motivieren. Statt zu regulieren, Anreize schaffen.
Die unbequemen Wahrheiten
Brockmeyer beschönigt nichts. Die Zahlen zur technologischen Entwicklung sind ernüchternd: 70 Prozent aller KI-relevanten Patentanmeldungen kommen aus China. Europa liegt bei unter drei Prozent. Wir haben den Anschluss verloren.
Auch die Beobachtungen zur politischen Instabilität, zur wachsenden Spaltung westlicher Gesellschaften sind alles andere als beruhigend. Brockmeyer warnt vor einem „gigantischen Tsunami“ aus technologischer Disruption, Klimakrise und gesellschaftlicher Destabilisierung. Worst-Case, gewiss. Aber nicht unrealistisch.
Konstruktiv statt lamentierend
Was das Buch auszeichnet: Es jammert nicht. Brockmeyer benennt Probleme und skizziert Lösungswege. Seine Forderungen: Abbau von Bürokratie, Renaissance des Servicegedankens, Offenheit der Rechtssysteme, die nicht jede technische Neuerung mit neuen Gesetzen ersticken. Vor allem aber: Toleranz.

Besonders mutig ist seine Positionierung zum Gendern: Jeder soll gendern, der will. Aber niemand soll es müssen. Das ist gelebte Toleranz – und eine Haltung, die vielen fehlt, die sich Diversität auf die Fahne schreiben. Brockmeyer ist klug genug zu wissen, dass er nicht alle Antworten hat. Das Buch versteht sich als Diskussionsbeitrag. Er stellt Impulse zur Diskussion, lädt zum Widerspruch ein. Das ist intellektuelle Redlichkeit – und in Zeiten, in denen zu viele zu viel zu wissen glauben, ein seltenes Gut.
Die Arbeit des Diplomatic World Institutes, die Wholistic World Innovation Trophy, der Podcast „Today & Tomorrow“, den ich seit gut zwei Jahren mit ihm veröffentliche, die geplante CAMPUS MUNDI Plattform – all das sind Versuche, den Dialog zu organisieren. Nicht fertige Lösungen zu verkünden, sondern gemeinsam nach ihnen zu suchen.
Das Fazit
„Resilienz“ ist kein leichtes Buch. Es ist dicht, faktenreich, manchmal mäandernd. Aber es ist ein notwendiges Buch. Dieter Brockmeyer gelingt es, die Komplexität unserer Zeit nicht zu simplifizieren, aber verständlich zu machen. Er zeigt, wo wir stehen – und wohin wir könnten, wenn wir bereit sind, uns zu bewegen.
Das Buch ist eine Einladung: Die Komfortzone zu verlassen, ohne sie ganz aufzugeben. Innovationen nicht als Feind zu sehen, sondern als Werkzeug. Verantwortung zu übernehmen – individuell wie kollektiv.
In einer Zeit, in der viele nur noch schwarz oder weiß sehen, bietet Brockmeyer ein differenziertes Grau. Das ist unbequem. Das ist herausfordernd. Und genau deshalb ist es wertvoll. Wer verstehen will, was auf uns zukommt – und wie wir damit umgehen könnten – sollte dieses Buch lesen. Es ist keine Anleitung zum Glück. Aber ein Kompass in unübersichtlichem Gelände. Und das ist mehr als man von den meisten Büchern über die Zukunft sagen kann.
RESILIENZ von Dieter Brockmeyer ist exklusiv auf AMAZON, als Taschenbuch (€ 23,-) und E-Book (€ 19,-) erhältlich: https://www.amazon.de/dp/3000856854

