Frankfurt am Main hat sich als bislang unangefochtene europäische Digitalhauptstadt etabliert. Fast der komplette Internetverkehr in Europa, aber auch ein erheblicher Anteil weltweit, läuft über die Mainmetropole. Grund dafür ist sicherlich die zentrale Lage auf dem Kontinent, aber auch ihre Rolle als internationales Finanzzentrum, die eine schnelle Kommunikationsinfrastruktur verlangt. Als Folge wurden in den vergangenen Jahrzehnten Milliardensummen in den Ausbau von Rechenzentren investiert und weitere Milliarden sind geplant. Aber da stockt es im Moment. Bauprojekte können nicht wie geplant begonnen werden, weil die Stromversorgung momentan an ihre Grenzen stößt. Die Hauptstadtrolle ist also kein Selbstläufer. Der Wettbewerb ist hart, nicht zuletzt auch weil der Strompreis in Deutschland deutlich über dem europäischen Durchschnitt liegt und in der Bevölkerung das Misstrauen gegen die Rechenzentren steigt. Frankfurt muss also seine Stellung aktiv verteidigen.

Auf einer Diskussionsveranstaltung der IHK Frankfurt zum Thema „Wie geht es weiter mit der europäischen Digitalhauptstadt“ mit Vertretern aus Politik und Netzwirtschaft, forderte daher deren Vizepräsident Volker Ludwig, im ersten Leben Geschäftsführer Central Europe des Großrechenzentrenbetreibers Digital Reality, mehr Offenheit für jene Unternehmen, die sich mit digitalen Geschäftsmodellen befassen: „Wir wünschen uns von den politischen Entscheidern mehr Offenheit und Verständnis für die Belange der Digitalwirtschaft. Die ganze Region profitiert wirtschaftlich davon, dass wir die ‚europäische Digitalhauptstadt‘ sind. Damit das Wachstum der Digitalwirtschaft die Region weiter stärken kann, ist der flächendeckende Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur erforderlich. Dazu gehört die dezentrale Ansiedlung von Rechenzentren, um Synergien zwischen Abwärme, Quartiersentwicklung und kommunaler Wärmeplanung realisieren zu können. Rechenzentrumskapazitäten sind unverzichtbar für nahezu alle Wirtschaftsbereiche, etwa für die Finanzwirtschaft oder für Start-ups, die sich mit Anwendungschancen der Künstlichen Intelligenz beschäftigen. Darüber hinaus passt es nicht, dass beruflich wie privat immer mehr digitale Dienste genutzt werden, der Ausbau der dazu notwendigen Infrastruktur aber nicht in ausreichendem Maße voran geht.“

Prof. Dr. Kristina Sinemus, Hessische Staatsministerin für Digitalisierung und Innovation, sagte: „Rechenzentren sind das Rückgrat der digitalen Transformation und Voraussetzung für digitale Souveränität. Gleichzeitig gibt es bei der Ansiedlung vielfältige Herausforderungen wie Flächenverfügbarkeit, Wasserverbrauch und Stromanschlusskapazitäten. Damit Hessen weiterhin der stärkste Rechenzentrumsstandort Kontinentaleuropas bleibt, brauchen wir eine gemeinsame Zukunftsvision, wie Rechenzentren in die Stadt- und Regionalentwicklung eingebettet werden können. Mit der derzeit entstehenden regionalen Rechenzentrumsstrategie wollen wir Leitplanken setzen, um eine zukunftsfähige, nachhaltige und leistungsfähige Rechenzentrumslandschaft in Hessen zu gestalten. Denn wir wollen Hessen als zentralen digitalen Knotenpunkt sichern und stärken, aber dies innerhalb der jeweiligen Energie- und Flächenressourcen. Dazu stehen wir im Dialog mit den beteiligten Akteurinnen und Akteuren.“
Michael Girg, Executive Director and Chief Cloud Officer, Deutsche Börse AG, erklärte: „Als internationale Börsenorganisation und innovativer Marktinfrastrukturanbieter sorgt die Deutsche Börse Group für faire, transparente und stabile Kapitalmärkte. Leistungsfähige und verlässliche Rechenzentren sind hierfür unverzichtbar. Wir treffen unsere Entscheidungen zum Bezug von Rechenzentrumskapazitäten im Rahmen regulatorischer Vorgaben nach wirtschaftlichen, betrieblichen und nachhaltigkeitsbezogenen Kriterien. Planungssicherheit spielt dabei eine zentrale Rolle. Für den sicheren Betrieb unserer Märkte ist entscheidend, dass Rechenzentren in einer technisch sinnvollen Entfernung zueinander liegen können, damit Anforderungen an Latenz, Resilienz und Verfügbarkeit zuverlässig erfüllt werden.“

Alexander Rabe, Geschäftsführer von eco Verband der Internetwirtschaft e.V. und Mitinitiator der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen, betonte: „Rechenzentren sind das Rückgrat der digitalen Transformation und Grundlage für Innovationsfähigkeit, Wertschöpfung und digitale Souveränität. Frankfurt und die Rhein-Main-Region sind heute der größte Rechenzentrumsstandort der EU – Ergebnis langfristiger Investitionen, verlässlicher Rahmenbedingungen und eines starken digitalen Ökosystems. Rechenzentren erzeugen weit mehr als direkte Arbeitsplätze; Studien zeigen Wertschöpfungsimpulse in dreistelliger Milliardenhöhe durch Spill-over-Effekte. Ohne leistungsfähige digitale Infrastrukturen sind weder KI-Anwendungen noch Cloud-Services oder datengetriebene Geschäftsmodelle realisierbar. Kommunale Entscheidungen, die den Ausbau dringend benötigter Kapazitäten im Rhein-Main-Gebiet verhindern, senden ein kritisches Signal im internationalen Wettbewerb. Gleichzeitig leisten moderne Rechenzentren mit Abwärmenutzung einen relevanten Beitrag zu Klimazielen und nachhaltiger Wärmeversorgung. Wenn Frankfurt seine Rolle als europäische Digitalhauptstadt behaupten will, braucht es eine strategische Standortpolitik, verlässliche Genehmigungen und Planungssicherheit.“
Dr. Thomas King, CTO DE-CIX Group AG, sagte: „Frankfurt ist das digitale Herz Deutschlands und Europas und mit dem DE‑CIX – dem größten Internetknoten des Kontinents – eine zentrale Drehscheibe für Datenströme. Digitale Anwendungen prägen den Alltag von Bürgerinnen und Bürgern ebenso wie die Arbeit von Unternehmen und Verwaltungen. Damit diese Dienste zuverlässig, sicher und in hoher Qualität funktionieren, müssen Daten möglichst nah an den Nutzerinnen und Nutzern verarbeitet und ausgetauscht werden. Frankfurt hat hier einen klaren Standortvorteil: Ein eng verzahntes Ökosystem aus Rechenzentren und Netzinfrastruktur sorgt für schnelle und effiziente Datenübertragung. DE-CIX verbindet diese Infrastrukturen zu einem leistungsfähigen Gesamtsystem. Kurze Wege reduzieren die Latenz – also die Verzögerungszeit bei der Datenübertragung – und ermöglichen reaktionsschnelle Anwendungen, etwa in der Cloud, bei KI oder im Finanzsektor. Ein weiterer Ausbau dieser digitalen Infrastruktur stärkt Frankfurt im internationalen Wettbewerb und schafft die Grundlage für innovative, leistungsfähige digitale Angebote für Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft. Wenn wir diesen Vorteil nicht verspielen wollen, brauchen wir Planungssicherheit, verlässliche Rahmenbedingungen und die Bereitschaft, weiter in die digitale Infrastruktur zu investieren.”

Robin Schmidt, Geschäftsführer House of Digital Transformation e.V., erklärte: „Infrastruktur schafft Möglichkeiten. Anwendung schafft Wertschöpfung – besonders im Bereich KI und Quantencomputing. Entscheidend ist, beides systematisch zusammenzuführen, damit aus fachlicher Expertise und technologischer Stärke wirtschaftliche Wirkung entsteht. Hessen und die Rhein-Main-Metropole Frankfurt haben exzellente Voraussetzungen – eine leistungsfähige digitale Infrastruktur, international vernetzte Wirtschaftsstrukturen und eine starke Hochschul- und Forschungslandschaft. Jetzt geht es darum, diese Stärken konsequent in Anwendungen zu überführen. Genau hier setzen wir an: Wir bündeln das regionale Ökosystem – und unterstützen durch Zugang zu Partnern, Technologie und Expertise dabei, innovative Ideen in skalierbare und marktreife Projekte zu überführen.“
Unter dem Strich erschienen Politik und Wirtschaft recht optimistisch eingestellt. Kritik wurde erst im Anschluss und am Rande laut. Ein durchaus informierter Teilnehmer stellte fest, wir würden möglichweise sehr schnell von einem Problem erschlagen, bevor wir überhaupt das Problem als solches wahrgenommen hätten. Er untermauerte das mit einem Beispiel. Der letzte noch existierende Weltmarktführer in Deutschland, er sprach von SAP, hätte jetzt erfahren müssen, dass ein 22-jähriger Student am Küchentisch in zwei Wochen eine Software entwickelt habe, mit genau dem Leistungsumfang des eigenen Kernprodukts. „Viele haben die Tragweite dessen, was da in den nächsten 5 Jahren auf uns zukommt, noch gar nicht erfasst.“ (db/IHK Frankfurt)
