Einen Meilenstein der Filmgeschichte schuf im Jahr 1950 der japanische Regisseur Akira Kurosawa mit dem Film Rashōmon. In den Sozialwissenschaften, Rechtswissenschaften und der Philosophie wird das im Film dargestellte Phänomen unterschiedlicher Wahrnehmung eines Geschehens durch verschiedene Menschen als „Rashōmon-Effekt“ bezeichnet. Diese Technik, eine Geschichte in einem Film aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, ist häufig kopiert worden, zuletzt 2021 im Film The Last Duel. Hier eine cineastische Konfliktanalyse:

Bilder von Kohji Asakawa auf Pixabay

Gedächtnis und Wahrheit

Anders als eine Filmrolle oder ein elektronischer Datenträger ist das menschliche Gedächtnis nicht dazu geschaffen, Erlebtes lückenlos aufzuzeichnen und später unverändert wiederzugeben. Bereits die Wahrnehmung ist eine durch verschiedene Faktoren geprägte Interpretation des Geschehens. Je nach Stimmung und Situation sind wir unterschiedlich aufmerksam; in Gefahr oder unter Anspannung verengt sich die Wahrnehmung zum Tunnelblick. Persönliche Interessen lenken unsere Aufmerksamkeit auf Dinge, die andere vielleicht übersehen. Im Gedächtnis bleibt auch nicht das gesamte wahrgenommene Geschehen, sondern nur die (subjektiv) wichtigsten Elemente. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Menschen ihr eigenes Verhalten mit ihren Wertvorstellungen in Einklang bringen wollen und bereits beim „Abspeichern“ Modifikationen vornehmen. Jeder möchte bei der Erzählung des Erlebten in möglichst gutem Licht erscheinen. Dazu werden gern nachteilige Details weggelassen, andere Details modifiziert oder gar erfunden. Ergebnis kann sein, dass mehrere Augenzeugen desselben Geschehens ganz unterschiedliche Wahrnehmungen wiedergeben.

Das Verbrechen aus vier Perspektiven

Der Beginn des Films Rashōmon zeigt einen Mönch und einen Holzfäller, die gerade als Zeugen einer Gerichtsverhandlung beigewohnt haben, bei der die Tötung eines hochrangigen Samurai verhandelt wurde. Beide sind verzweifelt, weil sie nach den unterschiedlichen Darstellungen der Beteiligten nicht in der Lage sind, die Wahrheit herauszufinden. Insbesondere der Mönch beklagt, dass es keine Wahrheit zu geben scheint, dass alle Menschen lügen und er das Vertrauen in die Menschen verliert. Die dritte Person der Rahmenhandlung, ein Bürger, fordert die beiden nun auf, ihrerseits die Geschichte zu berichten.

Der Holzfäller und der Mönch

Zunächst wird die Geschichte aus der Perspektive des Holzfällers dargestellt. Die Szenerie wechselt und das zurückliegende Geschehen wird filmisch nachgestellt: Der Holzfäller ist mit seiner Axt über der Schulter auf dem Weg in den Wald. Untermalt von immer dramatischerer Musik findet er zunächst Kleidungsstücke einer Frau, dann ihren Dolch und schließlich die Leiche des Samurai. In diesem Moment flieht der Holzfäller in Panik ins nächste Dorf und meldet das Verbrechen. Die Szene wechselt zum Gericht, wo der Holzfäller seine Aussage bekräftigt.

Der Mönch setzt die Aussage vor Gericht fort. Er hat den Toten noch lebend gesehen. Auch seine Aussage wird nach einer kurzen Szene vor Gericht nicht erzählt, sondern gespielt.

Beide Aussagen wirken glaubwürdig, weil die Zeugen am Verbrechen unbeteiligt sind, es noch nicht einmal gesehen haben. Der Mönch hat den Samurai und seine Frau nur vor der Tat gesehen, der Holzfäller hat nur die Leiche gefunden. Die Aussagen wirken besonders überzeugend, weil sie nicht nur von den Zeugen erzählt, sondern filmisch am Originalschauplatz in Szene gesetzt werden. Bilder wirken deutlich intensiver als Worte.

Das Verbrechen

Nun folgen vier Berichte des eigentlichen Geschehens. Übereinstimmend berichten der Bandit Tajōmaru, der getötete Samurai Takehiro mithilfe eines Mediums, seine Frau Masako und schließlich erneut der Holzfäller, dass der Samurai mit seinem Pferd und seiner jugendlichen und schönen Frau Masako durch den Wald der Dämonen gereist sei. Der Bandit habe dem Samurai ein günstig zu erwerbendes Schwert versprochen und ihn damit vom Weg in den tieferen Wald gelockt, wo er ihn überwältigte und fesselte. Tajōmaru habe Masako vor den Augen ihres Mannes vergewaltigt. Takehiro sei erstochen worden, Masako geflohen und drei Tage später festgenommen worden.

Die Beichte des Tajōmaru

Tajōmaru erklärt dem Gericht, dass er den Samurai Takehiro und dessen Frau Masako auf dem Pferd gesehen habe. Als er für einen Augenblick das Gesicht von Masako erblickte, habe er sich in die Frau verliebt. Den Samurai habe er nicht töten, sondern nur weglocken und überwältigen wollen. Er berichtet weiter, dass Masako sich zunächst mit einem Messer gegen ihn gewehrt habe, bevor er sie vergewaltigte. Er betont, dass er den Samurai nicht töten wollte, Masako ihn jedoch angefleht habe, dass nur einer der beiden Männer überleben dürfe, wenn sie als Frau in Ehre weiterleben wolle, und dass sie bereit sei, mit dem stärkeren Mann zu leben. Der Bandit will daraufhin den Samurai befreit und in einem ehrenvollen Zweikampf, in dem sie 23-mal die Klingen kreuzten, besiegt und schließlich getötet haben, während die Frau geflohen sei.

Der Holzfäller und der Mönch berichten über die Aussage des angeklagten Banditen vor Gericht, es handelt sich also um eine Aussage nach Hörensagen. Der Bandit hatte zu Beginn seiner Einvernehmung erklärt, dass er sicher hingerichtet werde und daher die Wahrheit berichten wolle. Dadurch und weil die Geschichte nicht nur erzählt, sondern gespielt wird, klingt seine Darstellung überzeugend.

Die Erzählung der Masako

Der Mönch berichtet dann von der Zeugenaussage der Frau, die deutlich von der Aussage des Banditen abweicht. Der Mönch erklärt eingangs, dass Masako keineswegs so wild und leidenschaftlich aufgetreten sei, wie der Bandit sie dargestellt habe, sondern verletzlich und sanft. Nach ihrer Ansicht habe sie nach dem Messerkampf nur eine Chance gesehen, ihren Mann zu retten. Nach der Vergewaltigung, so erzählt sie, habe ihr geretteter Mann sie aber nur voller Verachtung angesehen, während sie – unter den Klängen einer sehr eng am Bolero orientierten Filmmusik – zunächst um Vergebung, anschließend um die Erlösung durch ihre Tötung gebeten habe, um zuletzt den Entschluss zu fassen, zunächst den Samurai und anschließend sich selbst zu töten. Schließlich sagt Masako vor dem Gericht aus, sie sei bewusstlos geworden und habe – wieder erwacht – erkannt, dass sie ihren Mann getötet habe. Sie sei aber nicht in der Lage gewesen, sich – wie geplant – selbst zu töten.

Die Sicht des getöteten Samurai

Als der Bürger erklärt, die Darstellung der Frau für schlüssig und glaubwürdig zu halten, erzählt der Mönch, wie eine Geisterbeschwörerin dem Gericht die Geschichte aus der Sicht des Toten vorgetragen habe. Nach dessen Darstellung habe der Bandit die Frau nach der Vergewaltigung beschworen, mit ihm zu gehen, und erklärt, dass er nur aus Zuneigung gehandelt habe und dass sie nach der Entehrung nun mit ihm gehen müsse; die Frau sei dazu bereit gewesen, habe aber zuvor die Tötung ihres Mannes verlangt, was den Banditen entsetzt habe und von diesem verweigert worden sei. Der Bandit habe die Frau für diesen Wunsch verachtet, ihr ihre Tötung angeboten und schließlich die Fliehende verfolgt. Nach einiger Zeit sei der Bandit zurückgekommen, habe den Samurai befreit und sich entfernt. Der Samurai erinnert sich, ein Weinen gehört, dann selbst geweint und sich schließlich mit dem Dolch seiner Frau getötet zu haben.

Der Holzfäller

Der Holzfäller erklärt nun, dass der Tote ebenfalls lüge, da er nicht durch einen Dolch, sondern durch ein Schwert zu Tode gekommen sei. Der Bürger merkt, dass der Holzfäller noch mehr weiß, und überredet ihn, die ganze Geschichte zu erzählen.

Daraufhin erklärt der Holzfäller, dass auch der Tote nicht die Wahrheit berichtet, sondern gelogen habe. Auf die Frage des Bürgers hin weist der Mönch darauf hin, die Lüge sei dem Menschen nicht über den Tod hinaus gegeben. Der Bürger wendet dagegen ein, dass dies nur für bewusste Lügen gelten könne und dass alle Menschen sich selbst für ehrlich halten würden. Der Mönch kontert, dass allerdings nur die wenigsten wirklich ehrlich seien.

Der Holzfäller berichtet nun, der Bandit habe die Frau beschworen, mit ihm zu gehen, und sei sogar bereit gewesen, ein ehrliches Leben zu führen. Anschließend habe Masako ihren Mann befreit und einen Schwertkampf der beiden Männer gefordert, den aber beide nicht führen wollten. Vielmehr habe Takehiro seine Frau Masako zum Selbstmord aufgefordert, da sie entehrt sei und er ihr nicht mehr vertraue. Nunmehr habe Masako von ihrem Mann verlangt, zunächst den Banditen zu besiegen, bevor er von ihr den Selbstmord fordern könne, und ihn als Feigling bezeichnet. Auch den Banditen habe sie als Feigling bezeichnet, der nicht bereit sei, um sie zu kämpfen. Nach ihrer Ansicht müsse eine Frau mit dem Schwert erobert werden. Weiter berichtet der Holzfäller, dass die beiden Männer zunächst zitternd voreinander gestanden und dann eine wilde, keineswegs den Regeln des ehrenvollen Schwertkampfs entsprechende Auseinandersetzung begonnen hätten, an deren Ende der Bandit den wehrlos am Boden liegenden Samurai mit dem Schwert tötete, während die Frau davonlief.

Wahrheit und Lüge

Somit stehen vier Versionen der Geschichte nebeneinander, von denen jede in sich schlüssig und nachvollziehbar ist. Jede Person stellt die Erlebnisse so dar, dass sie selbst möglichst in einem guten Licht erscheint. Dabei werden durchaus Fakten übergangen oder anders erinnert beziehungsweise dargestellt. Der Bandit berichtet von einem ehrenvollen Schwertkampf, in dem er 23-mal mit dem hochgestellten Samurai die Klingen gekreuzt und den Samurai besiegt habe. Bandit und Samurai verschweigen den vom Holzfäller beobachteten würdelosen Kampf. Der Samurai will lieber durch die eigene Hand als durch den ehrlosen Banditen oder seine Frau getötet worden sein. Die Frau stellt sich als wehrloses Opfer zwischen den beiden Männern dar.

Der Gang durch die vier unterschiedlichen Darstellungen des Geschehens zeigt, dass die Erinnerung der Beteiligten maßgeblich durch ihre Interessen und Motive beeinflusst wird. Es gibt zwar eine objektive Wahrheit, aber die Erinnerung von Zeugen ist immer subjektiv. Selbst der scheinbar objektive Holzfäller verschweigt, dass er den Dolch der Frau mitgenommen hat. Nicht jede Abweichung von der objektiven Wahrheit ist eine Lüge. Der Mönch erklärt ausdrücklich, dass Menschen lügen, weil sie die Wahrheit fürchten. Manchmal wird auch zum Schutz anderer, aufgrund gesellschaftlicher Konventionen oder aus hehren Motiven geflunkert. Jeder Mensch erlebt dies täglich an anderen, aber auch bei sich selbst.

Mediation und Wahrheit

In einer Mediation wird nicht nach der objektiven Wahrheit, sondern nach einer gemeinsamen Zukunft gesucht. Die vier Darstellungen in Rashōmon zeigen, dass die Menschen nur ihre jeweils eigene, subjektive Wahrheit erinnern und dass die Suche nach der objektiven Wahrheit mitunter hoffnungslos ist. Ziel der Mediation ist es daher, den Beteiligten die jeweils andere Sichtweise, die andere subjektive Wahrheit zu zeigen und verständlich zu machen. Das Selbstbild wird um das Fremdbild ergänzt, um Verständnis für die anderen entwickeln zu können. Manchmal lassen sich unterschiedliche Darstellungen als unterschiedliche Blickwinkel auf das gleiche Geschehen erklären, manchmal muss man die unterschiedlichen subjektiven Wahrheiten nebeneinander bestehen lassen und akzeptieren. So kann eine gemeinsame Zukunft gestaltet werden.

Der Beitrag erschien zuerst im Fachmagazin „Die Mediation“. Dr. Thomas Lapp ist Rechtsanwalt und Mediator, Mediationstrainer, Lehrbeauftragter der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Vorsitzender der AG Mediation im Deutschen Anwaltverein (DAV e. V.), Mitglied im Redaktionsbeirat des Fachmagazins Die Mediation, Präsident des Deutschen Forums für Mediation (DFfM e. V.).

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