Warum besitzen wir Macht über die Dinge – und warum heute ungleich mehr als gestern? Fortschritt, dieses gleichermaßen strapazierte wie verklärte Leitmotiv der Moderne, klingt nach Glanz, Vernunft und mühelosem Aufstieg. Doch hinter der glänzenden Fassade verbirgt sich ein Mechanismus, der weitaus radikaler ist als bloße technische Optimierung. Woher rührt diese Herrschaft über die Welt wirklich? Und warum drohen wir heute ausgerechnet an jenem Fundament zu scheitern, das uns diesen Triumph erst ermöglicht hat?

Bäume in einer Frühlingsparklandschaft
Bild von GLady auf Pixabay

Den Schlüssel zu diesem Rätsel lieferte die philosophische Anthropologie Arnold Gehlens: Im Kontrast zum Tier, das durch einen geschlossenen Instinktzirkel fest in seine Umwelt eingebettet ist, kommt der Mensch als biologisches Mängelwesen zur Welt. Seiner Instinkte beraubt und physisch unterlegen, existiert er in einer überwältigenden, unbegrenzten Weltoffenheit. Sein Bewusstsein stapelt Abstraktionen über Abstraktionen und baut Babelstürme, die dem Tier verborgen bleiben. So lässt sich die Trennung von der unbewussten Welt, egal ob in Eden oder der Serengeti, als ein kontinuierlicher Prozess darstellen, jeder einzelne Schritt auf diesem Weg eine weitere Entfernung von unseren biologischen Ursprüngen. Dieser Prozess der Entnaturalisierung begann in dem Moment, als wir das Feuer zähmten, und setzt sich heute nahtlos in der Entwicklung von Computern und Nationalstaaten fort. Die Folge dieses ständigen Fortganges ist Komplexität – hier bedeutet das nicht anderes als die Qualität von meta- oder übergelagerten und gegenverbundenen (also reflexiven) Systemen. Sie ist emergent, kann also nicht vorhergesehen werden. Das wird später noch wichtig.

Entnaturalisierung

Dass Entnaturalisierung nicht mit bloßer technologischer Kompliziertheit verwechselt werden darf, verdeutlicht der Zebrastreifen. Eigentlich besteht er nur aus ein paar Streifen Farbe auf dem Asphalt. Tatsächlich jedoch setzt er ein gewaltiges Gerüst voraus, Schichten über Schichten an kodifiziertem Recht, Stadtplanung, der Trennung von öffentlichem und privatem Raum, und dem anerzogenen Vertrauen, dass ich nicht überfahren werde. Dagegen ist das Automobil physikalisch ungleich komplexer, konzeptionell jedoch nur die kontinuierliche Fortführung von Pferd, Droschke und Fußmarsch. Entnaturalisierung entspricht also nicht immer derselben Menge an Komplexität. Doch während Komplexität (vor allem in lokalen Systemen) steigen oder fallen kann, kann die Entfernung zu Eden immer nur steigen oder stagnieren. So schnell wird die Menschheit Feuer und Sprache, Geld und Landwirtschaft nicht vergessen. Der Fortgang der Entnaturalisierung bedingt hier also den Fortschritt, nämlich die Rate unserer Macht über die Dinge. Erst die Quantenphysik, vielleicht einer der größten und brutalsten Sprünge der Entnaturalisierung im 20. Jahrhundert, hat uns wirkliche Macht über das Licht (im Laser) und das Denken (in der Noosphäre des Internets) verliehen. Doch jeder Fortgang hat Folgen, direkt und indirekt.

Komplexität, also was entsteht, wenn wir unsere Entfremdung domestizieren und anwendbar machen, bringt eigene Probleme mit sich. Wann hatten Sie das letzte Mal Spaß bei einer Behörde? Wenn wir Erfindungen machen, die uns das Leben erleichtern, zwingen uns genau diese Erfindungen im nächsten Schritt dazu, neue Regeln, Berufe und Abhängigkeiten zu erschaffen. Was ursprünglich als einfache, klare Lösung für ein konkretes Problem beginnt, wuchert mit der Zeit unweigerlich aus. Alte Systeme bekommen so immer neue Aufgaben und Ausnahmen aufgebürdet, bis sie derart unübersichtlich werden, dass niemand sie mehr vollständig durchschaut und wir irgendwann an ihnen ersticken.

Kosmischer Horror

Den Horror der Entnaturalisierung nehmen wir heute, so muss man beim Scrollen des Instagram-Feeds fast glauben, mit Gleichgültigkeit oder Ironie zur Kenntnis. Was H. P. Lovecraft einst als kosmischen Horror vor dem unbegreiflich Fremden literarisierte, quittiert der moderne Mensch beim Scrollen durch digitale Feeds nur noch mit apathischem Schulterzucken. Wir sind umgeben von zahllosen unsichtbaren Systemen, deren Funktionsweise wir häufig nicht mehr verstehen oder reparieren können, und verzehren Nahrung, deren Ursprung uns völlig unbekannt ist. In dieser absolut künstlichen Umgebung verlieren sogar unsere grundlegendsten menschlichen Antriebe ihren Sinn. Wo alles berechenbar, optimiert und entzaubert wird, erlischt der Sinn für das Transzendente. Übrig bleibt Nietzsches „Letzter Mensch“, behaglich eingerichtet, gut medikamentiert, aber innerlich entkräftigt und von seinen biologischen Impulsen entkoppelt.

Genau in dieser extremen Entfremdung offenbart sich die wachsende Zerbrechlichkeit unseres Fortschritts. Während die von uns erschaffene Welt immer schneller, verzweigter und fordernder wird, bleibt unsere geistige und körperliche Grundausstattung im Wesentlichen die eines Höhlenmenschen. Das steinzeitliche Gehirn ist der endlosen Informationsdichte und der Last überkomplexer Systeme schlicht nicht mehr gewachsen und damit wird unsere moderne Zivilisation zunehmend anfällig für Zusammenbrüche. Das allein sollte Ihnen keine neue Information sein, verehrter Leser. Die Frage ist, wie es jetzt weitergeht, und wie wir den Fortschritt, unsere Gewalt über die Welt, behalten und vermehren, wenn uns doch die Ursache dieses Fortschrittes selbst bedächtig in Richtung Untergang führt. Vielleicht bleibt es ja ein Vabanquespiel, ein Walzer an der Klippe. Vielleicht findet die Wissenschaft einen Regler im Gehirn, der uns besser Walzer tanzen lässt. Oder vielleicht werden bald die letzten Fünkchen Machbarkeit leise und verschämt das Universum verlassen. Das fände ich schade. Jetzt schon aufzugeben, nachdem wir so weit gekommen sind, wäre das eigentliche Scheitern. Den Ausgang dieses Tanzes an der Klippe bestimmen am Ende noch immer wir selbst.

Von Lukas Immanuel Holz

Anmerkung der Redaktion: Der Autor ist Doktorand im Bereich Strategisches Management an der Goethe-Universität Frankfurt und forscht zu Biotech-Transaktionen. Aufbauend auf seiner Erfahrung im Investment Banking schreibt er als Essayist über Systemkomplexität, Institutionen, und die Zukunft der Menschheit.

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