Wir haben internationale Expertinnen und Experten nach ihren Definitionen gefragt. Die Ergebnisse sind zumindest teilweise überraschend.

In meinem Anfang dieses Jahres erschienenen Buch „RESILIENZ: Überleben zwischen Deep-Tech Revolution und Globalem Umbruch“ wollte ich aufzeigen, dass wir unsere Volkswirtschaften und Gesellschaften nur dann widerstandsfähiger gegenüber dem immer schneller werdenden Innovationstempo machen können, wenn wir gemeinsam an nachhaltigen Lösungen arbeiten und dabei soziale wie geografische Gräben überwinden. Dafür braucht es einen breiten Dialog – einen, der offene und auch kontroverse Debatten ausdrücklich einschließt.
Gemeinsam mit der international anerkannten Deep-Tech- und Startup-Expertin Ingrid Vasiliu-Feltes haben wir einen ersten Schritt unternommen und internationale Fachleute aus unterschiedlichsten Disziplinen eingeladen, ihre eigene Definition des Begriffs „Innovationsresilienz“ zu formulieren. Es folgt eine Zusammenfassung der vierteiligen Serie, die schließlich zwölf unterschiedliche Stimmen vereinte – ergänzt um meine persönliche Einordnung am Ende.
Den Auftakt machte die Schweizer Tech-Journalistin und Forbes-Autorin Carina Schuster. Als einflussreiche Stimme der Tech-Community war sie zeitweise auch Vorstandsmitglied von Women in Web3 Switzerland. Am Beispiel ihres Heimatlandes zeigt sie, wie Resilienz ausgewogen gefördert werden kann: „Es zeigt, dass regulatorische Agilität erreichbar ist, wenn Institutionen so aufgebaut sind, dass sie sich mit der Geschwindigkeit technologischer Veränderungen bewegen – statt ihnen hinterherzulaufen.“
Demgegenüber plädiert Vincent Ligorio, geopolitischer Analyst bei Analytica for Intelligence and Security Studies in Turin und Interim Director für strategische Entwicklung und akademische Innovation am Hibernia College in Dublin, für „produktive Reibung“ als Mittel, gesellschaftliche Kräfte nachhaltig zu mobilisieren: „Die Fähigkeit der globalen Innovationsgemeinschaft, Wissen, Verantwortung und langfristige Visionen zu koordinieren, damit Fortschritt genau das bleibt, was er sein sollte: eine nachhaltige Kraft für menschlichen und gesellschaftlichen Mehrwert. Nicht bloß Beschleunigung um ihrer selbst willen. Geschwindigkeit ohne Kohärenz ist kein Fortschritt. Sie ist Drift.“
Sindhu Bhaskar erweitert diesen Gedanken um ein faktisches Drei-Punkte-Modell. Der weltweit aktive Investor und Mitglied des Forbes Business Council blickt dabei über die rein ökonomische Dimension hinaus: „Meiner Ansicht nach wird echte Innovationsresilienz von drei Veränderungen abhängen: 1. Vom reaktiven Regulierungsansatz hin zu antizipativer Governance (Politik entwickelt sich gemeinsam mit Technologie weiter), 2. Von zentralisierter Kontrolle hin zu dezentraler Teilhabe (Stärkung von Gemeinschaften durch tokenisierte und digitale Strukturen), und, 3. Von effizienzgetriebener Innovation hin zu sinnorientierter Innovation (mit Nachhaltigkeit und menschlicher Würde im Zentrum). Ohne diese Veränderungen droht die Welt von Technologie überwältigt zu werden.“
Amritaa Singh ist Gründerin von Helix Sapienta in Melbourne – einer spezialisierten Beratung an der Schnittstelle von Entscheidungsfindung unter Unsicherheit, Entscheidungsarchitektur und Governance. Für sie wirft die heutige Unsicherheit in allen Bereichen die drängendsten Fragen auf und führt zu folgender Schlussfolgerung: „Letztlich geht es bei Innovationsresilienz nicht darum, die Zukunft präziser vorherzusagen, sondern darum, Legitimität in der Entscheidungsfindung aufrechtzuerhalten, wenn Vorhersagbarkeit selbst unzuverlässig wird – eine Fähigkeit, die zunehmend darüber entscheiden wird, ob Institutionen mit dem beschleunigten Wandel Schritt halten können.“
Raphael Nagel verfolgt einen stärker unternehmerisch geprägten Ansatz. Er investiert in kritische Technologien für Souveränität und Resilienz in Europa, der MENA-Region und Asien und lebt sowie arbeitet in Europa und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er betont die Fähigkeiten, die Unternehmen beherrschen müssen, um künftige Märkte erfolgreich zu gestalten: „Vertrauen, einmal im großen Maßstab gewonnen, vervielfacht sich. Die Disziplin zu warten – die beständigsten Unternehmen wachsen anfangs oft langsam. Sie weigern sich, auf einem instabilen Fundament zu skalieren. Und wenn sie sich dann bewegen, sind sie kaum noch einzuholen. Innovationsresilienz ist kein Notfallplan. Sie ist die Entscheidung, nicht länger nur auf Wandel zu reagieren, sondern ihn aktiv zu gestalten.“
Einen allgemeineren Ansatz liefert Haya Mvita. Sie ist Director Nation Branding und Mitglied des Executive Boards des Diplomatic World Institute in Brüssel. Ihre Arbeit versteht Nation Branding nicht bloß als Imagepflege, sondern als strategisches Instrument für Kooperation, Entwicklung und langfristige Glaubwürdigkeit. Dabei erkennt sie ein Missverständnis, das die Entwicklung von Innovationsresilienz verzögern könnte: „Letztlich definiert sich Resilienz nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch die Fähigkeit, Wandel zu integrieren, ohne die Richtung zu verlieren. In einer Ära der Beschleunigung wird genau diese Fähigkeit zu einer Form von Souveränität.“
Die ehemalige Managerin der US-amerikanischen Space Agency Shelli Brunswick inspiriert heute weltweit Führungskräfte und Organisationen dazu, größer zu denken, mutiger zu handeln und die Zukunft durch weltrauminspirierte Innovation zu gestalten. Diese universelle Perspektive prägt auch ihren Ansatz zur Innovationsresilienz: „Letztlich wird Innovationsresilienz davon abhängen, technologischen Fortschritt mit verantwortungsvoller Führung, internationaler Zusammenarbeit und einer langfristigen Vision für die gemeinsame Zukunft der Menschheit in Einklang zu bringen.“
Eine weitere Perspektive kommt von einem bedeutenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekt, der in öffentlichen Debatten jedoch häufig unterrepräsentiert ist. Eingebracht wird er von John Gomez. Er ist Medienökosystem-Builder mit starkem Fokus auf Kunst und Kultur und gilt als analytischer Innovationstheoretiker mit Schwerpunkt auf Meta- und Omniversum sowie Web3 und KI. Er hebt die Rolle des Kultursektors für gesellschaftliche Resilienz hervor: „Kunst und Kultur stehen im Zentrum jeder Gesellschaft. Sie treiben Innovation, Bildung und Diplomatie voran. Sie befähigen Menschen zu Kreativität und kritischem Denken und fördern gegenseitiges Verständnis. In neue Finanzierungsinstrumente für Kunst und Kultur zu investieren heißt daher, in die Menschheit selbst zu investieren.“
Werfen wir einen Blick auf die gesetzgeberische Perspektive: Mahendra Kumar Bhandari ist Gründer der in Hyderabad ansässigen Global Academy for Legal Tech Education and Research, kurz GALTER. Er argumentiert jedoch nicht nur aus regulatorischer Sicht: „Letztlich unterstützt das Recht Innovationsresilienz, indem es regulatorische Unsicherheit reduziert. Durch klare Wege für Experimente und robusten Schutz erfolgreicher Ergebnisse verwandelt ein resilientes Rechtssystem ‚Risiko‘ in ‚steuerbare Unsicherheit‘ und stellt sicher, dass der Motor der Innovation selbst in turbulenten Zeiten weiterläuft.“
Neville Gaunt ist Gründer des Londoner SDGZero sowie assoziierter Gründer der Mental Wellness Society. Er hebt insbesondere für Unternehmen die mentale Dimension von Innovationsresilienz hervor: „Indem MindFit zunächst Vertrauen, Resilienz und persönliche Verantwortung stärkt, schafft es die psychologische Grundlage, die Innovation überhaupt erst möglich macht. Wenn Menschen sich fähig und unterstützt fühlen, hören sie auf, Veränderung zu fürchten – und beginnen, sie selbst voranzutreiben. Innovation beginnt nicht mit Ideen. Sie beginnt mit Menschen, die daran glauben, wachsen zu können.“
Alexander Pinker erweitert den Ansatz erneut und bezieht Ethik als zentrale Säule mit ein. Der Münchner „Innovation Profiler“ coacht Unternehmen zu Zukunftstrends und lehrt an verschiedenen deutschen Hochschulen. Das Aufspüren von „Spuren des Wandels“ und die Analyse des Umgangs damit gehören für ihn zum Alltag: „Wenn wir echte Innovationsresilienz wollen, müssen wir in KI-Kompetenz, ethische Rahmenwerke und den Mut investieren, über kurzfristige Horizonte hinauszudenken. Die Zukunft gehört nicht denen mit den leistungsstärksten Modellen, sondern denen, die wissen, wie man gemeinsam mit ihnen denkt.“
Die abschließende Definition möchte ich Ingrid Vasiliu-Feltes überlassen. Sie ist eine renommierte Wissenschaftlerin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Unternehmertum und Investment. Ihre Rolle lässt sich mit dem Begriff „Deep-Tech-Diplomatie“ zusammenfassen:
„Es geht nicht nur um Erholung und Nachhaltigkeit, sondern um antizipatives Design und regenerative Weiterentwicklung. Wissenschaft liefert das epistemische Fundament und ermöglicht evidenzbasierte Entdeckung und Validierung. Technologie setzt dieses Wissen im großen Maßstab operativ um und integriert Intelligenz, Interoperabilität und Effizienz in Ökosysteme.“
Meine persönlichen Schlussfolgerungen:
Wir sprechen hier nicht nur über Wirtschaft – auch wenn sie der wichtigste Treiber von Innovationen und damit gesellschaftlichem Wandel ist und allen Beteiligten enorme Verantwortung überträgt. Alles, was in dieser Zusammenstellung genannt wurde, spielt eine entscheidende Rolle beim Aufbau von Innovationsresilienz zur Stabilisierung unserer Gesellschaften.
Es geht um Führung, Bildung, Medien und Kultur – etwa Kunst oder Musik (ja, auch das ist von zentraler Bedeutung) – und darum, unseren Geist auf eine Weise zu öffnen, die uns bislang ungewohnt ist. Ebenso sprechen wir über Ethik als grundlegendes Wertesystem, das uns Orientierung für die Zukunft geben soll.
Das funktioniert allerdings nur, solange wir uns auf gemeinsame Werte verständigen können – etwas, das in der heutigen Welt zunehmend herausfordernd erscheint. Ich bin überzeugt, dass es hier noch sehr viel mehr zu bedenken und zu erforschen gibt.
Wir werden diese Debatte fortführen, weitere Expertinnen und Experten einladen und neue Aspekte untersuchen – angetrieben von dem Wunsch, uns fit zu machen für die stetig zunehmende Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen sowie globaler und gesellschaftlicher Veränderungen.
