Internationale Expertinnen und Experten teilen ihre Definitionen des Begriffs „Innovationsresilienz“. Letzter Teil einer spannenden, gemeinsam erarbeiteten Artikelserie von Dieter Brockmeyer und Ingrid Vasiliu-Feltes, die nach den Beiträgen von Neville Gaunt und Alexander Pinker auch das Fazit dieser Reihe liefert.

In meinem kürzlich erschienenen Buch „RESILIENZ: Überleben zwischen Deep-Tech Revolution und Globalem Umbruch“ habe ich dargelegt, dass wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft nur dann widerstandsfähiger gegenüber der sich immer weiter beschleunigenden Innovationsdynamik machen können, wenn dies als gemeinsame Anstrengung gelingt – eine, die soziale und geografische Grenzen überwindet. Das erfordert Dialog, einschließlich offener und auch kontroverser Auseinandersetzungen. Und als ersten Schritt bedarf es einer klaren Definition von „Innovationsresilienz“.
Gemeinsam mit Ingrid Vasiliu-Feltes haben wir einen ersten Schritt unternommen, indem wir internationale Experten aus unterschiedlichen Hintergründen eingeladen haben, ihre eigenen Definitionen dieses Konzepts in knapper Form für einen gemeinsamen Artikel zu formulieren. Diese stellten wir in einer kurzen Serie vor, wobei jede Ausgabe drei Beiträge enthielt. Jeder einzelne davon ist es wert, gelesen und reflektiert zu werden.
In diesem letzten Teil dieser Serie möchten wir die Beiträge von Neville Gaunt und Alexander Pinker vorstellen. Alle Autoren lieferten wertvolle Einblicke und eröffnen eine komplexe, vielschichtige Perspektive auf Innovationsresilienz. Sie betonen die Bedeutung, technologische Strukturen mit institutionellen und am Menschen orientierten Zielsetzungen in Einklang zu bringen. Zudem unterstreichen alle Autoren die Herausforderungen, die mit dem Aufbau von Innovationsresilienz aus geopolitischer, gesellschaftlicher und technologischer Perspektive verbunden sind. Trotz unterschiedlicher fachlicher Schwerpunkte eint sie die Erkenntnis, dass Innovationsresilienz ein bereichsübergreifendes Paradigma ist – entscheidend für langfristigen Erfolg und verantwortungsvollen Fortschritt.
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Neville Gaunt ist Gründer des in London ansässigen SDGZero, des „Sustainable Business Directory“, und Mitgründer der Mental Wellness Society. Er hebt insbesondere die mentalen Aspekte hervor, die für den Aufbau von Innovationsresilienz – vor allem in Unternehmen – entscheidend sind:
Innovation gerät ins Stocken, wenn Menschen sich nicht stark genug fühlen, sich zu verändern
Jede Organisation spricht über Innovation.
● Vorstände fordern sie ein.
● Strategien bauen auf ihr auf.
● Märkte belohnen sie.
Und doch fällt es den meisten Organisationen trotz dieses Drucks schwer, Ambitionen in konkretes Handeln zu überführen. Das eigentliche Hindernis ist weder Technologie noch Finanzierung – es ist die menschliche Fähigkeit zur Veränderung.
Studien belegen dies immer wieder:
● Gallup berichtet, dass sich nur jede*r fünfte Mitarbeitende von der eigenen Organisation bei Veränderungen unterstützt fühlt – und mangelndes Vertrauen steht in direktem Zusammenhang mit Widerstand.
● McKinsey stellte fest, dass Transformationsinitiativen sechsmal häufiger erfolgreich sind, wenn Mitarbeitende sich psychologisch sicher fühlen und sich zutrauen, sich anzupassen.
● Und der Harvard Business Review warnt, dass eine geringe Resilienz in der Belegschaft inzwischen eines der größten verborgenen Risiken für Innovation darstellt – da Mitarbeitende zunehmend von Unsicherheit und Mehrdeutigkeit überfordert sind.
Wenn Menschen Vertrauen, Resilienz oder ein Gefühl von Sicherheit fehlt, wirkt Innovation bedrohlich. Veränderung wird gleichgesetzt mit Verlust – Verlust von Kompetenz, Kontrolle oder sogar Bedeutung. In einem solchen emotionalen Klima geraten selbst die vielversprechendsten Initiativen ins Stocken. Menschen ziehen sich in vertraute Verhaltensmuster zurück, verteidigen bestehende Prozesse und leisten stillen Widerstand gegen alles, was riskant erscheint.
Genau hier setzt der MindFit-Prozess an – er beginnt mit Veränderungen in Verhalten und Haltung.
Innovation kann nicht in einer Belegschaft gedeihen, die sich ängstlich, unterbewertet oder unvorbereitet fühlt. Indem zunächst Selbstvertrauen, Resilienz und persönliche Verantwortung gestärkt werden, schafft MindFit die psychologische Grundlage, die Innovation überhaupt erst ermöglicht. Wenn Menschen sich kompetent und unterstützt fühlen, hören sie auf, Veränderung zu fürchten – und beginnen, sie aktiv voranzutreiben.
Innovation beginnt nicht mit Ideen.
Sie beginnt mit Menschen, die daran glauben, wachsen zu können.
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Alexander Pinker ist ein im Raum München ansässiger „Innovation Profiler“, der Unternehmen zu Zukunftstrends berät und an verschiedenen deutschen Hochschulen lehrt. Das Aufspüren von „Spuren des Wandels“ und die Analyse des Umgangs damit gehören für ihn zum Alltag:
Auf der Suche nach den Spuren des Wandels
Als Innovation Profiler verbringe ich meine Tage damit, nach den Spuren des Wandels zu suchen – nach den subtilen Signalen, die zeigen, wohin sich Technologie und Gesellschaft entwickeln, nicht nur in den nächsten zwei, sondern in den nächsten zehn Jahren. Und wenn es eine Spur gibt, die diesen Moment definiert, dann ist es generative KI. Innerhalb von kaum drei Jahren hat sie sich von einem faszinierenden Experiment zu einer strategischen Infrastruktur entwickelt – und verändert grundlegend, wie wir erschaffen, kommunizieren, entscheiden und arbeiten.
Innovationsresilienz bedeutet für mich nicht einfach die Fähigkeit, neue Technologien schnell zu übernehmen. Sie ist die Fähigkeit von Organisationen und Individuen, inmitten ständiger Disruption anpassungsfähig, neugierig und strategisch geerdet zu bleiben. Und generative KI stellt diese Resilienz auf eine bisher beispiellose Probe. Die Veröffentlichungszyklen sind unerbittlich. Modelle, die vor sechs Monaten noch bahnbrechend wirkten, sind bereits überholt. Agentische Systeme übernehmen ganze Arbeitsabläufe. Der EU AI Act hat Selbstregulierung in verbindliches Recht überführt. Schritt zu halten erfordert mehr als technische Agilität – es verlangt ein neues Mindset.
In meiner täglichen Arbeit mit KI-Tools in Beratung, Lehre und Content-Erstellung sehe ich aus erster Hand, dass diejenigen Organisationen erfolgreich sind, die KI nicht als Bedrohung, sondern als Verstärkung menschlicher Fähigkeiten begreifen – sie macht Menschen kreativer, effizienter und zukunftsorientierter. Das eigentliche Risiko besteht nicht darin, dass KI sich zu schnell entwickelt. Es liegt darin, dass wir beim Verständnis ihrer sinnvollen Nutzung zurückfallen.
Wenn wir echte Innovationsresilienz erreichen wollen, müssen wir in KI-Kompetenz, in ethische Rahmenwerke und in den Mut investieren, über kurzfristige Horizonte hinauszudenken. Die Zukunft gehört nicht denen mit den leistungsfähigsten Modellen, sondern denen, die wissen, wie man gemeinsam mit ihnen denkt.
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Unser Fazit wird von meiner Mitinitiatorin dieser Serie, Ingrid Vasiliu-Feltes, formuliert. Sie ist eine renommierte Wissenschaftlerin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Unternehmertum und Investment – was sie mit dem Begriff „Deep-Tech-Diplomatie“ zusammenfasst. Zudem ist sie Gründerin und Strategin von Innovationsökosystemen mit einem starken Fokus auf Cyberethik.
Wissenschaftlich, technologisch und gesellschaftlich…
Innovationsresilienz bezeichnet das disziplinierte Zusammenwirken von Systemen – wissenschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen –, um sich unter Bedingungen von Unsicherheit, Disruption und exponentiell wachsender Komplexität kontinuierlich anzupassen, zu regenerieren und weiterzuentwickeln. Sie geht über reine Wiederherstellung und Nachhaltigkeit hinaus; es geht um vorausschauendes Design und regenerative Evolution. Wissenschaft liefert die epistemische Grundlage, indem sie evidenzbasierte Erkenntnis und Validierung ermöglicht. Technologie setzt dieses Wissen in großem Maßstab um und verankert Intelligenz, Interoperabilität und Effizienz in Ökosystemen.
Echte Resilienz entsteht jedoch erst, wenn diese Elemente mit regenerativen Prinzipien in Einklang stehen – mit Systemen, die sowohl die Gesundheit des Menschen als auch die des Planeten wiederherstellen, erneuern und verbessern. Der Aufbau resilienter Innovationsökosysteme für zukünftige Generationen erfordert die Integration von Spitzentechnologien mit verantwortungsvoller Governance, nachhaltiger Infrastruktur und inklusiver Teilhabe. Es bedarf eines Übergangs von linearen Innovationsprozessen hin zu dynamischen, rückkopplungsgetriebenen Ökosystemen, die lernen, sich anpassen und sich selbst optimieren. In diesem Paradigma wird Resilienz zu einer strategischen Notwendigkeit, die sicherstellt, dass Innovation nicht nur Disruption übersteht, sondern aktiv zur Gestaltung einer nachhaltigeren, gerechteren und zukunftsfähigen Welt beiträgt.
Fazit der Serie
Diese Serie hat die Vielschichtigkeit von Innovation und die unterschiedlichen Interpretationen von Resilienz über Disziplinen, Sektoren und geografische Räume hinweg aufgezeigt. Unsere Mitwirkenden haben Resilienz aus verschiedensten Perspektiven beleuchtet – von Technologie über Recht und Governance bis hin zu gesellschaftlichen Auswirkungen. Gemeinsam machen diese Sichtweisen deutlich, dass Innovationsresilienz kein eindimensionales Konzept ist, sondern eine multidimensionale Fähigkeit – eine, die Agilität, Nachhaltigkeit, Inklusion und langfristige Wertschöpfung vereint.
Die Fülle an Einsichten dieser herausragenden Gruppe von Beitragenden spiegelt die Komplexität der bevorstehenden Herausforderungen wider und macht zugleich Chancen sichtbar. Ihre Vordenkerrolle unterstreicht die Notwendigkeit, Innovationsökosysteme zu gestalten, die nicht nur leistungsfähig, sondern auch resilient sind. Zum Abschluss dieser Serie danken wir allen Mitwirkenden herzlich für ihre wertvollen Perspektiven.
Wir laden unser Publikum ein, weiterhin engagiert zu bleiben, während wir mit der nächsten Serie beginnen, die sich mit den umfassenderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Innovationsresilienz in einer zunehmend vernetzten Welt beschäftigen wird.
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Alle bisherigen Stimmen der Serie: Shelli Brunswick, John Gomez, Mahendra Kumar Bhandari, Amritaa Singh, Raphael Nagel, Haya Mvita, Catina Schuster, Vincent Ligorio, Sindhu Bhaskar, Dieter Brockmeyer
