Als Guido Westerwelle den Deutschen schon im Jahr 2010 eine „spätrömische Dekadenz“ unterstellte, erlebte er einen beispiellosen Shitstorm. Heute sehen wir, dass er schon damals gar nicht so falsch gelegen hat, auch wenn es sich wohl eher um eine spätkapitalistische Dekadenz handelt. Denn historisch gesehen ähneln sich die Muster damals wie heute. Der gewachsene Wertekanon wirkt ausgehöhlt, einzelne gesellschaftliche Gruppen agieren selbstsüchtig und spalten die Gesellschaft. Und der Staat?

Der hat all dem wenig entgegenzusetzen. Und auch hier ähneln sich die Muster damals wie heute: Anstatt echter Reformen, versucht man nur die finanziellen Löcher, sogenannte Steuerschlupflöcher, zu stopfen, die von ideologischem Festhalten an inzwischen völlig überdrehten alten Strukturen zwangsläufig gerissen werden. Damit treibt man die Wähler weiter an die Ränder.
Dabei ist Vieles davon hausgemacht, auch wenn eine Korrektur, je länger man wartet, immer schwieriger wird. Viel zu lange hat man Warnzeichen und relevante Wählergruppen ignoriert. Statt ihnen entgegenzukommen, hat man sie erst ausgrenzt, dann radikalisiert, bis heute…
Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, sieht man, wo das hinführt. Und schauen wir uns die aktuelle geopolitische Situation an, dann steht zu befürchten, dass wir diesen Weg schon ein ganzes Stück wiederholt haben. Noch können wir mit großer Anstrengung den Weg ändern. Das verlangt Einsicht bei denen, die sich an angebliche Errungenschaften unter ihrer Führung festklammern. Im Moment sieht es nicht danach aus.
