Internationale Expertinnen und Experten teilen ihre Definitionen. Teil 1 einer spannenden, gemeinschaftlichen Artikelreihe von Dieter Brockmeyer und Ingrid Vasiliu-Feltes gemeinsam mit Carina Schuster, Vincent Ligorio und Sindhu Bhaskar.

Halbe Erdkugel mit Tablets und Löwenzahn
Löwenzahn – ein perfektes Beispiel für Resilienz, Foto: ChatGPT

In dem kürzlich erschienenen Buch RESILIENZ: Überleben zwischen Deep-Tech Revolution und Globalem Umbruch habe ich dargelegt, dass wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft nur dann widerstandsfähiger gegenüber dem immer schneller werdenden Innovationstempo machen können, wenn dies durch eine gemeinsame Anstrengung gelingt – eine, die soziale und geografische Grenzen überwindet. Dafür braucht es Dialog, einschließlich offener und auch kontroverser Auseinandersetzungen. Und als ersten Schritt braucht es eine klare Definition von „Innovationsresilienz“.

Gemeinsam mit Ingrid Vasiliu-Feltes haben wir einen ersten Schritt unternommen, indem wir internationale Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen eingeladen haben, ihre eigenen Definitionen dieses Begriffs in knapper Form für einen gemeinsamen Beitrag zu formulieren. Diese stellen wir in einer kurzen Serie vor, wobei jede Folge drei Beiträge enthält. Jeder einzelne ist es wert, gelesen und reflektiert zu werden.

Im ersten Teil dieser Serie präsentieren wir Beiträge von Carina Schuster, Vincent Ligorio und Sindhu Bhaskar. Die Autorin und Autoren liefern wertvolle Einblicke und eröffnen eine komplexe, vielschichtige Perspektive auf Innovationsresilienz. Sie betonen die Bedeutung der Synchronisierung technologischer Strukturen mit institutionellen und menschenzentrierten Zielen. Zugleich unterstreichen sie die Herausforderungen beim Aufbau von Innovationsresilienz aus geopolitischer, gesellschaftlicher und technologischer Sicht. Trotz unterschiedlicher fachlicher Hintergründe eint sie die Einsicht, dass Innovationsresilienz ein bereichsübergreifendes Paradigma ist – entscheidend für langfristigen Erfolg und verantwortungsvollen Fortschritt.

***

Die Schweizer Tech-Journalistin und Forbes-Autorin Carina Schuster ist eine einflussreiche Influenzerin, war zeitweise im Vorstand von Women in Web3 Switzerland tätig und treibt die Geschäftsentwicklung der immersiven Technologieplattform W3lds voran. Sie gibt einen sehr persönlichen Einblick in ihr Denken:

Innovationsresilienz bedeutet für mich,

…nicht nur, mit jeder technologischen Entwicklung Schritt zu halten, sobald sie entsteht. Sie geht darüber hinaus. Es geht darum, institutionelle, bildungsbezogene und kulturelle Grundlagen zu schaffen, die es Gesellschaften ermöglichen, Umbrüche zu bewältigen, ohne ganze Bevölkerungsgruppen zurückzulassen.

Mein Interesse daran reicht bis in meine Kindheit zurück. Schon früh war ich von der NASA fasziniert: von den Apollo-Missionen, der schieren Kühnheit, erstmals Menschen auf dem Mond landen zu lassen, und heute davon, wie das Artemis-Programm zeigt, wie weit sich die Technologie seitdem entwickelt hat. Eines der prägendsten Gespräche meiner journalistischen Laufbahn führte ich mit jemandem, der ein Praktikum bei der NASA absolviert hatte. Er brachte einen Gedanken auf den Punkt, der mir bis heute geblieben ist: All diese Innovation müsse letztlich der Menschheit zugutekommen. Diese Perspektive prägt seitdem mein Verständnis von technologischem Fortschritt.

Aus meiner Arbeit im Tech-Journalismus und aus Gesprächen mit Experten aus der Branche ergibt sich für mich: Der Unterschied zwischen Gemeinschaften, die tatsächlich von technologischem Fortschritt profitieren, und jenen, die von ihm überrollt werden, liegt in der Investition in „Übersetzung“ und Teilhabe – also darin, komplexe Innovation zugänglich zu machen und sicherzustellen, dass Menschen eine Stimme in ihrer Weiterentwicklung haben.

Die Schweiz ist dafür ein starkes Beispiel. Sie beherbergt weltweit führende Forschungseinrichtungen wie die ETH Zürich, an der einst Albert Einstein studierte – ein passender Verweis, da sein Geburtstag erst kürzlich war. Wenn Zugang zu solcher Forschungstiefe und akademischer Strenge besteht und Institutionen wie das CERN ihre Erkenntnisse öffentlich zugänglich machen sowie Plattformen wie MIT OpenCourseWare erstklassige Bildung frei verfügbar machen, wird sichtbar, wie echte Demokratisierung von Wissen aussehen kann. Genau dieser offene Zugang schafft Resilienz auf breiter gesellschaftlicher Ebene – nicht nur für Eliten.

Im Hinblick auf regulatorische Rahmenbedingungen bietet China eine aufschlussreiche Fallstudie in Bezug auf Tempo und Koordination: Technologien werden dort rasch in großem Maßstab in Infrastruktur, Gesundheitswesen und Smart Cities implementiert, während sich politische Rahmenbedingungen in Echtzeit parallel zur Innovation weiterentwickeln. Das zeigt, dass regulatorische Agilität möglich ist, wenn Institutionen darauf ausgelegt sind, mit der Geschwindigkeit technologischer Veränderungen Schritt zu halten, statt ihr hinterherzulaufen.

***

Vincent Ligorio ist geopolitischer Analyst und Abteilungsleiter bei Analytica for Intelligence and Security Studies in Turin sowie interimistischer Direktor für strategische Entwicklung und akademische Innovation am Hibernia College in Dublin. Er fordert eine „produktive Reibung“:

Innovationsresilienz: Kohärenz in der Geschwindigkeit

Innovationsresilienz ist kein Sicherheitsnetz. Sie ist ein Gestaltungsprinzip. Sie beschreibt die Fähigkeit von Systemen – wirtschaftlichen, technologischen und menschlichen –, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, ohne ihre Kohärenz oder ihren Zweck zu verlieren. Es geht nicht nur darum, Störungen zu absorbieren, sondern sie zu transformieren: Reibung produktiv zu machen.

Aus Sicht der Technologiestrategie entsteht Resilienz nicht aus Starrheit, sondern aus Architektur – offenen Netzwerken, interdisziplinärer Zusammenarbeit und einer Governance, die echtes Experimentieren ermöglicht, ohne die strategische Ausrichtung aufzugeben. Dauerhaft tragfähig sind nicht jene Strukturen, die sich gegen Veränderung stemmen, sondern jene, die darauf ausgelegt sind, sie zu „verstoffwechseln“.

Die Beschleunigung, die wir derzeit erleben – angetrieben durch künstliche Intelligenz, verteilte digitale Systeme und Dateninfrastrukturen in bislang ungekanntem Ausmaß – hat das Tempo von Innovation grundlegend verändert. Die Frage ist nicht mehr, ob die Welt innovieren kann. Sie kann es. Die Frage ist, ob sie bei diesem Tempo verantwortungsvoll innovieren kann, ohne den roten Faden zu verlieren.

In vielerlei Hinsicht war die globale Kollaborationsmaschinerie nie leistungsfähiger. Wissen bewegt sich über Grenzen hinweg durch Forschungsnetzwerke, Start-ups und Unternehmenslabore mit einer Geschwindigkeit, wie sie die Geschichte selten gesehen hat. Durchbrüche skalieren schneller, Distanzen schrumpfen. Und doch – hier liegt die eigentliche Spannung – entwickeln sich Fähigkeiten exponentiell, während sich Institutionen, Regulierung und Gesellschaft nur schrittweise anpassen. Diese Asymmetrie ist kein Randaspekt, sondern die zentrale strategische Herausforderung unserer Zeit.

Diese Lücke zu schließen erfordert mehr als technologische Führungsstärke. Es braucht strategische Vorausschau als Disziplin, belastbare sektorübergreifende Partnerschaften und Lernökosysteme, die wirklich in der Lage sind, Kommendes zu antizipieren – nicht nur darauf zu reagieren.

Resilienz wird in diesem Sinne zu einer kollektiven Kompetenz: die Fähigkeit der globalen Innovationsgemeinschaft, Wissen, Verantwortung und langfristige Vision zu koordinieren, sodass Fortschritt das bleibt, was er sein sollte – eine nachhaltige Kraft für menschlichen und gesellschaftlichen Wert. Nicht bloß Beschleunigung um ihrer selbst willen.

Geschwindigkeit ohne Kohärenz ist kein Fortschritt. Sie ist Abdrift.

***

Sindhu Bhaskar ist globaler Investor und Mitglied des Forbes Business Council. Er lebt in den USA und ist Vorsitzender sowie Gründer der EST Group of Companies. In seiner Definition betrachtet er nicht nur die wirtschaftliche Dimension:

Innovationsresilienz und die Fähigkeit der globalen Gemeinschaft, mit der aktuellen Beschleunigung technologischer Entwicklung Schritt zu halten

Innovationsresilienz bezeichnet das ökonomische, institutionelle und gesellschaftliche, strukturell-systemische Dreieck, das technologischen Wandel kontinuierlich aufnimmt, sich anpasst und verantwortungsvoll integriert, ohne grundlegende menschliche, ethische oder ökologische Fundamente zu destabilisieren. Adaptive Kohärenz übertrifft dabei die bloße Geschwindigkeit der Einführung, indem Innovation mit Governance, Kompetenzen, Vertrauen und langfristiger Wertschöpfung in Einklang gebracht wird. Ein resilientes Innovationsökosystem antizipiert Disruption, verteilt Chancen neu und verankert Schutzmechanismen – etwa durch ethische KI-Rahmenwerke, inklusive Finanzsysteme und nachhaltige Infrastruktur –, damit Fortschritt nicht schneller voranschreitet als die gesellschaftliche Bereitschaft.

Derzeit ist die Fähigkeit der globalen Gemeinschaft, mit der beschleunigten technologischen Entwicklung Schritt zu halten, ungleich verteilt und fragmentiert. Fortgeschrittene Volkswirtschaften verfügen über hohe Absorptionskapazitäten in Bezug auf Kapital, Talente und digitale Infrastruktur. Dennoch kämpfen auch sie mit regulatorischen Verzögerungen, insbesondere in Bereichen wie KI-Governance, Datensouveränität und Bioengineering. Schwellenländer hingegen sind oft agil und überspringen bestehende Systemgenerationen (wie bei digitalen öffentlichen Infrastrukturen), stoßen jedoch an Grenzen hinsichtlich institutioneller Tiefe, Kapitalzugang und digitaler Bildung.

Die tiefere Herausforderung ist nicht die technologische Beschleunigung an sich, sondern ein Versagen der Synchronisierung. Innovation entwickelt sich exponentiell, während Governance, Bildungssysteme und gesellschaftliche Verträge sich linear verändern. Daraus entstehen systemische Lücken, die sich in Ungleichheit, ethischer Unklarheit und geopolitischen Spannungen manifestieren.

Meiner Ansicht nach wird echte Innovationsresilienz von drei grundlegenden Verschiebungen abhängen:

  1. vom reaktiven Regulierungsansatz hin zu vorausschauender Governance (Politik entwickelt sich parallel zur Technologie),
  2. von zentralisierter Kontrolle hin zu dezentraler Teilhabe (Stärkung von Gemeinschaften durch tokenisierte und digitale Strukturen),
  3. von effizienzgetriebener hin zu sinnorientierter Innovation (Verankerung von Nachhaltigkeit und menschlicher Würde im Kern).

Ohne diese Veränderungen läuft die Welt Gefahr, von Technologie überrollt zu werden.

***

In diesem ersten Teil haben wir Vordenker aus unterschiedlichen Branchen vorgestellt. Trotz ihrer verschiedenen Perspektiven zeigen sich gemeinsame Kernaussagen. Ob sich dieses Bild in den kommenden Teilen weiter schärft, wird sich zeigen.

Kommende Stimmen: Shelli Brunswick, Amritaa Singh, John Gomez, Mahendra Kumar Bhandari, Haya Mvita, Raphael Nagel, Neville Gaunt und weitere.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert