Auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs der südamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur* im brasilianischen Foz do Iguaçu am 20. Dezember 2025 wurde einhellig die Enttäuschung und das Unverständnis herausgestellt, mit denen die Südamerikaner die mangelnde Bereitschaft der Europäischen Union, die größte Freihandelszone des Planeten Wirklichkeit werden zu lassen, zur Kenntnis genommen hatten. So eröffnete Brasiliens (sozialdemokratischer) Präsident Luiz Inácio Lula da Silva den Gipfel, auf dem das Handelsabkommen mit der EU nach 25-jährigen Verhandlungen unterzeichnet werden sollte – was jedoch kurz zuvor auf Bitten der EU auf den Januar 2026 verschoben wurde –, mit der Bemerkung, die Welt sei „hungrig nach Abkommen mit dem Mercosur“. Hier in voller Übereinstimmung mit Lula, signalisierten seine (der politischen Rechten ihrer Länder angehörenden) Amtskollegen aus Argentinien und Paraguay, Javier Milei und Santiago Peña, dass es der Mercosur keinesfalls nötig hat, sich hinsichtlich der von ihm weiterhin verfolgten Prinzipien des Freihandels auf die ‚europäische‘ Option zu beschränken; die Argentinier postulierten eine stärkere regionale Öffnung und diversifizierte Außenhandelspolitik. (amerika21, 20.12.2025, https://amerika21.de/2025/12/279760/mercosur-brasilien-2025). Allerdings gab das brasilianische Staatsoberhaupt seiner Hoffnung Ausdruck, das Abkommen könne „vielleicht im ersten Monat der Präsidentschaft Paraguays von meinem Kollegen Santiago Peña unterzeichnet“ werden, also tatsächlich bereits im Januar (taz online, 21.12.2025, https://taz.de/Mercosur-Gipfel/!6140424/).
Innerhalb der EU war es den Gegnern einer Unterzeichnung des Handelsabkommens – Frankreich, Polen, Ungarn und Österreich, in dessen Regierung nur die liberalen NEOS einhellig das Abkommen befürworteten – gelungen, Italien für ihre Position zu gewinnen und somit eine Sperrminorität im Europäischen Rat zu bilden. Bis die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sich in dieser Hinsicht (eindeutig) auf seine Seite stellte, stand mit Emmanuel Macron ausgerechnet ein als liberal geltendes französisches Staatsoberhaupt an der Spitze der EU-Freihandelsmuffel.** Anders als der Mercosur (dessen Mitgliedstaaten auf anderen Feldern der internationalen Politik durchaus zerstritten sind, so im Hinblick auf das aggressive Vorgehen der US-Administration gegen Venezuela***) präsentiert die EU sich somit als alarmierend wenig handlungsfähig, wo es darum geht, in wohlverstandenem Eigeninteresse ihrer Mitgliedstaaten jene weltwirtschaftlichen Ordnungsprinzipien des Liberalismus praktisch-politisch entschieden zur Geltung zu bringen, die – nicht zuletzt zulasten Europas – derzeit offen negiert werden, nicht zuletzt durch Washington. Auch im Verhältnis zum Mercosur – und zu Lateinamerika im Allgemeinen – wird das politische Europa bereits in den kommenden Wochen kaum umhinkommen, abseits mittlerweile routinierter Abgrenzungsrhetorik gegenüber globalen autokratischen Bedrohungen sowie Empörung über das (zusehends unmittelbar auch gegen die EU gerichtete) unilaterale Gebaren der USA in Taten die Normen und Prinzipien des Multilateralismus und des Freihandels zu verteidigen. Oder erschöpft sich die „europäische Souveränität“ tatsächlich in der tendenziellen und potentiellen Abkoppelung (West-)Europas vom „Rest“ der Welt?
* Dem Mercado Común del Sur gehört neben den an den Verhandlungen mit der EU beteiligten Staaten – Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay – seit 2024 Bolivien als Vollmitglied an; assoziierte Staaten sind Chile, Peru, Kolumbien und Ecuador.
** Vor 150 Jahren kritisierte Karl Marx in seinen „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ intern (seine Polemik wurde erst 1891 posthum veröffentlicht) in äußerst bissiger Weise die Dürftigkeit des Programms der 1875 ins Leben gerufenen SAP (der späteren SPD) auf dem Gebiet der internationalen Vereinigung der Arbeiterbewegung: Ein „Internationalismus“, der die Vision einer künftigen Völkerverbrüderung propagiert, ohne die Notwendigkeiten einer internationalen Politik der Arbeiterschaft zu erwähnen, stehe „noch unendlich tief unter dem der Freihandelspartei“, die immerhin nicht nur für sich in Anspruch nehme, „das Ergebnis ihres Strebens sei ‚die internationale Völkerverbrüderung‘“, sondern auch tatsächlich die Relativierung der nationalen Grenzen durch die Internationalisierung des Handels vorantreibe; sie „begnügt sich keineswegs bei dem Bewußtsein – daß alle Völker bei sich zu Haus Handel treiben“. Heute begnügen sich auch einige europäische, besonders französische Liberale bei dem Bewusstsein, dass die Europäer in Europa und die Amerikaner in Amerika Handel treiben.
*** Das linkspopulistisch regierte Venezuela selbst war 2006 dem Mercosur als dessen fünftes Mitglied beigetreten, 2016 jedoch von den Gründungsmitgliedern Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay ausgeschlossen worden.
