Ein authentisches Wohnhaus in Deutschland wird zum Brennglas eines Jahrhunderts. In seinen Räumen verdichten sich jüdische und nicht-jüdische Familienbiografien im Spiegel europäischer Zeitgeschichte. Ein unverwechselbarer Ort, der jetzt für die Zukunft gesichert werden muss.

Als Filmemacherin Sibylle Trost begann in ihrem Elternhaus der Frage nachzugehen, die sie seit ihrem sechsten Lebensjahr beschäftigte, ahnte sie noch nicht, was in all den alten Fotografien, Briefen, Tagebüchern und Dokumenten zu finden war. Es war der Anfang einer Recherche, die über Mainz hinaus führen sollte, über Luxemburg bis in die USA, nach Tschechien bis nach Yad Vashem. Aus einer persönlichen Spurensuche entstand die Vision: Das Brennglas eines Jahrhunderts europäischer Geschichte mit seiner außerordentlichen Fülle von Zeitdokumenten in einen internationalen Erinnerungs- und Begegnungsort zu verwandeln.
Ein Haus, das industrielle Blüte und jüdisches Unternehmertum, Nationalsozialismus, Vertreibung und französische Besatzungszeit verbindet. Das „Jahrhunderthaus“ in der von den Römern gegründeten Stadt Mainz am Rhein – ein Ort der Zukunft, an dem Geschichte lebendig bleibt. Dr. Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, unterstützt ausdrücklich das Projektvorhaben von Sibylle Trost, ihr Elternhaus in eine Begegnungs-, Erinnerungs- und Gedenkstelle umzuwandeln. Das Projekt: ein „wertvoller Beitrag für eine lebendige Erinnerungskultur, die im Kampf gegen Antisemitismus unerlässlich ist“.
Trost plant einen gemeinnützigen Verein, der den Erwerb und die langfristige Sicherung des Hauses ermöglicht. Nur damit kann das Ziel verwirklicht werden: Raum für Begegnung, Toleranz, Respekt, Demokratie-Bildung und kulturellen Austausch – über Generationen, Religionen, Kulturen und nationale Grenzen hinweg. Geschichte braucht Erinnerungsorte – sonst verschwindet sie. Und damit ein Stück unserer Identität.

Gebaut im Jahr 1921 auf den Trümmern des Ersten Weltkriegs, liegt das Gebäude heute in der Denkmalzone. Errichtet als repräsentatives Ambiente für den Direktor der Julius Sichel & Co. KGaA, damals eines der bedeutendsten Stahlunternehmen Europas. Der jüdisch geführte Konzern war börsennotiert und unterhielt seinen Hauptsitz in Mainz mit bis zu sechzig Beteiligungsgesellschaften in Luxemburg, Frankreich, Belgien und der Schweiz. Mit der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre geriet das Unternehmen in die Insolvenz, das Haus wurde abgestoßen, der Direktor übersiedelte mit seiner Familie nach Stuttgart, von wo aus ihm Anfang der 1930er Jahre gerade noch rechtzeitig die Emigration nach Amerika gelang.
Doch damit ist die Recherche nicht beendet. Im „Hausordner“ finden sich Meldeunterlagen, die zusammen mit Grundbuchauszügen zur zweiten Eigentümerfamilie weisen: Jüdische Kaufleute erwarben das Haus Ende der 1920er Jahre und verkauften es bereits 1935 an den Großvater der Filmemacherin. Ihre Namen führen über verschiedene Mainzer Wohnsitze in die zentrale Datenbank des World Holocaust Remembrance Center Yad Vashem und das Gedenkbuch des Bundesarchivs. Außergewöhnliche Quellen: Dokumente, Fotografien, Briefe, Tagebücher. Ab Mitte der 1930er Jahre wurde das Haus als repräsentativer Familiensitz und Sitz des „Verbands süddeutscher Cementhändler“ genutzt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen französischer Besatzer das Haus, die Familie wurde in wenige Zimmer gedrängt. Der Besitzerwechsel wurde genauestens überprüft, Kaufvertrag und Schriftwechsel vom Großvater der Filmemacherin juristisch korrekt durchgeführt und dokumentiert, die rechtmäßige Zahlung schließlich bestätigt. Anfang der 1970er Jahre standen sie vor der Tür: die Nachfahren der jüdischen Gründerfamilie. Unangemeldet und wissbegierig wurden sie freundlich empfangen und hinterließen ihre Namen im Gästebuch. Dank dieses Eintrags gelang es der Filmemacherin Sibylle Trost, jene Menschen ausfindig zu machen, sie einzuladen. Drei Generationen reisten 2025 aus den USA an. Ihre historischen Fotografien und Audio-Kassetten beleuchten die Lebensart der Familie im Haus der 1920er Jahre. Sie zeigen das Glück der Kinder im Garten und ihre Freude beim Dreiradfahren vor dem Haus.

Was braucht das Haus jetzt für die kommenden einhundert Jahre? Was das Haus braucht, damit seine Vision reale Gestalt annimmt? Es braucht Menschen, die das Potenzial des Projekts als außergewöhnlichen Ort europäischer Zeitgeschichte erkennen und es mit Engagement und finanziellen Mitteln unterstützen. Der gemeinnützige Verein wird für Erwerb und langfristige Sicherung des Hauses gegründet und sucht Unterstützer, um das Haus für kommende Generationen zu bewahren. Offen für Schulklassen, Wissenschaft, Kultur und internationale Begegnungen.
Was das Haus bietet? Die Familien haben es bewahrt und erhalten, gesammelt und gebündelt – Mobiliar, Fotografien, Briefe, Tagebücher, Tonaufnahmen und zahlreiche Dokumente aus den 1920er- und 1930er-Jahren – ein außergewöhnlicher Quellenbestand, Grundlage und Inspirationsquell des Projekts. Wer sich jetzt engagiert, investiert langfristig in demokratische Werte und in die Sichtbarkeit jüdischen Lebens in Deutschland und Europa und tritt Antisemitismus international entschieden entgegen.
Von Clara Zoe Panzer
Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie mehr wissen wollen, kontaktieren Sie die Initiatoren unter der E-Mail: kontakt@jahrhunderthaus-mainz.de
