Der am Montag – drei Monate nach seiner Frau Adelheid – verstorbene Wissenschaftler, Politiker und Organist Prof. Dr. Hans Maier, 1970-1986 Kultusminister des Freistaates Bayern, wurde von Ministerpräsident Markus Söder als ein großer Gelehrter und Staatsmann, „gewissermaßen das intellektuelle Gewissen des bürgerlichen Bayern seiner Zeit“, gewürdigt. Auch in seiner eigenen Partei, der CSU, habe Hans Maier als prägende Persönlichkeit gewirkt, „die stets für ihre Prinzipien einstand und diese unerschrocken artikulierte“. Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, stellte heraus, dass der politisch, auch kirchenpolitisch, engagierte Katholik – 1976-1988 stand er dem ZdK vor – als „das Gesicht des politischen Katholizismus weit über die Grenzen Deutschlands hinaus“ über Jahrzehnte hinweg eine untrennbare Verbindung von Glauben und politischem Handeln repräsentierte.
Hans Maier, der als Kultusminister des Freistaates Bayern zwischen 1970 und 1986 an vorderster Front der Modernisierung insbesondere des Hochschulwesens stand, aber auch etwa beim Ausbau des Denkmalschutzes national und international zukunftsweisende Akzente setzte, wirkte vor, während und nach dieser Phase unmittelbarer regierungspolitischer Verantwortung – und weit über deren unmittelbares Aufgabenfeld hinaus – als hervorragendes Scharnier von Wissenschaft und politischer Publizistik. Der als Politikwissenschaftler in München lehrende Schüler Arnold Bergstraessers sah sich dabei dem theoretisch-normativen Ansatz der Freiburger Schule verpflichtet, wenn er sich mit historisch-kulturellen Prozessen wie den Reaktionen des Katholizismus auf die bürgerlichen Revolutionen in Frankreich und anderen europäischen Ländern, den Modernisierungsbestrebungen innerhalb der katholischen Kirche (des Klerus wie des Laientums) und schließlich der Herausbildung des Parteientypus der Christdemokratie befasste. Hier ging es stets um die Frage, inwieweit und unter welchen Bedingungen Glaube und Politik, die Ansprüche einer Religiosität, die sich nicht in privat gelebter Frömmigkeit erschöpft, und jene des liberal-republikanischen Verfassungsstaates zu konvergieren begannen – und darüber hinaus im günstigsten Fall eine christlich-demokratische Politikkonzeption, die die liberal-rechtsstaatliche Ordnung bejaht, den Status einer der tragenden Säulen dieser säkularen Ordnung erlangen konnte. „Das war dann mein Thema, mein Leben lang, wie sich die Kirche im 20. Jahrhundert ausgesöhnt hat mit der Tradition der Menschenrechte, mit der Tradition der Demokratie.“ In diesem Kontext setzen sich Hans Maiers Publikationen allerdings auch systematisch mit den „totalitären“, fundamental gegen die liberale Demokratie gerichteten Potentialen nicht nur herrschaftlich-religiöser Bewegungen (und Staaten) im engeren Sinne, sondern auch von religionsähnlichen säkularen Heilsbewegungen, den Politischen Religionen, auseinander.
In einem von Hans Maier gemeinsam mit Hermann Bott herausgegebenen Band, der sich mit dem Aufstieg des parteipolitischen Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland am Ende des zweiten Jahrzehnts ihres Bestehens befasst (Die NPD – Struktur und Ideologie einer „nationalen Rechtspartei“, 2., erweiterte Aufl. München 1968), wird einerseits festgestellt, „die vereinfachte Gleichsetzung von NPD mit NSDAP“ verdecke eher die rechtsextremistische Gefahr, als dass sie sie bloßlege. Andererseits verweisen die Autoren nachdrücklich auf das Zusammenspiel von verbalen Bekundungen des Respekts vor der parlamentarisch-demokratischen Verfassungsordnung einerseits und offenen, aggressiv vorgetragenen Angriffen auf die republikanischen Institutionen andererseits in der Agitation der Rechtsextremisten: „Während die NPD sich offiziell zur demokratischen Ordnung bekennt, droht sie in ihren ‚Musterbriefen‘, den verbindlichen Redeschablonen für Funktionäre: ‚Unsere politischen Gegner … wissen ganz genau, daß sie von der politischen Bühne gefegt werden, wenn unser Volk erst einmal seine wirkliche Lage begreift.‘“ Maier/Bott zeigen auf, dass der „Volksbegriff der NPD mit seinen transzendentalen Bezügen“ jenem der bürgerlich-demokratischen Republik völlig unvereinbar ist und von den Feinden der Republik „als Verteidigungsinstrument eingesetzt“ werde, „mit dessen Hilfe andere Anschauungen – repräsentative Demokratie, Marxismus, Liberalismus, Humanismus usw. – als ‚undeutsch‘ denunziert werden“.
Vor fünf Jahren ging Hans Maier in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung auf die gesellschaftlich-kulturellen Bedingungen ein, unter denen er rund ein halbes Jahrhundert zuvor als Intellektueller staatspolitische Verantwortung übernommen hatte: „Alles hat seine Zeit. Meine Generation lebte nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus nicht nur in der befreienden Gewißheit, zu wissen, was gut und böse ist, sondern sie profitierte auch vom Sputnik-Schock. Sputnik war das Gefährt, mit dem Gagarin als erster Mensch in den Weltraum flog. Das hat den Westen glauben gemacht, er sei zurückgefallen, die Russen seien plötzlich ganz vorn. Aus diesem Gefühl heraus wurden Schulen und Hochschulen ganz neu bewertet. Der Sputnik-Schock hat weltweit eine Bildungsinitiative ausgelöst. Mindestens ein Jahrzehnt, fast zwei wurde die Kulturpolitik der große Türöffner zur Politik überhaupt.“ (F.A.S., 13.6.2021)

