Kommentar vom Leiter der Chefredaktion Prof. Dr. Wolfgang Otto

Der erste klassische Sudetendeutsche Tag seit Beginn der Corona-Pandemie zog im Rahmen des traditionsreichen Pfingsttreffens Anfang Juni 2022 erwartungsgemäß weit weniger Menschen nach Hof als in vergangenen Jahrzehnten. Die Kraft, die von dieser Veranstaltung nach wie vor ausgeht, war jedoch auch in Oberfranken mit Händen zu greifen, im Gegenteil – mehr denn je!

Denn diese Kraft ist weniger abhängig von der Anzahl an Fahnenabordnungen der einzelnen Heimatkreise und Landschaftsverbände, sondern vielmehr von der Botschaft, die die Sudetendeutsche Landsmannschaft seit vielen Jahren dabei aussendet. Sechsundsiebzig Jahre nach der Ausweisung der deutschen Minderheit aus der damaligen Tschechoslowakischen Republik gehören die heftigen Emotionen und teils schrill vorgebrachten Forderungen der ersten Nachkriegsjahrzehnte längst der Vergangenheit an. Die Kinder, Enkelkinder, inzwischen auch Urenkelkinder der Vertriebenen haben in der neuen Heimat längst Fuß gefasst, viele mögen vielleicht sogar schon den persönlichen Bezug zu ihren historischen Wurzeln verloren haben. Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, hat die Landsmannschaft aus Anlass des Sudetentags übrigens unter www.sudeten.net eine Art Soziales Netzwerk für Sudetenstämmige entwickelt. Diese wunderbare Idee zeigt bereits nach wenigen Tagen, dass sich die Nachfahren der einst in Böhmen beheimateten Menschen weit über Bayerns Grenzen hinaus niedergelassen haben und nach wie vor großes Interesse an Verbundenheit besteht.

Die weit darüber hinausgehende Bedeutung der Arbeit der Sudetendeutschen Landsmannschaft wird aber gerade in dieser, unserer Zeit, offenbar. Nicht erst die omnipräsenten Ereignisse in der Ukraine haben die Aktualität von Flucht und Vertreibung verdeutlicht, sie haben diese Themen aber aus Sonntagsreden und dem Feuilleton in den Alltagsdiskurs katapultiert. „Je weiter die Freiheit nach Osten zieht, desto stärker wird sie in der Mitte und im Westen Europas sein“ – sinngemäß das hat einmal Otto von Habsburg gesagt, der legendäre letzte Kronprinz der Donaumonarchie und spätere Vordenker, aber auch Praktiker der demokratischen Europäischen Einigung. Und sein langjähriger Weggefährte und würdiger Erbe, der Bundessprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bernd Posselt, greift diese These seit Jahrzehnten immer wieder leidenschaftlich auf. Die Würdigung der beiden osteuropäischen Staatsmänner Klaus Iohannis und Wolodymyr Selenskyj mit dem Europäischen Karlspreis in Hof ist daher kein öffentlichkeitswirksames Reiten auf der breiten Betroffenheitswelle dieser Tage, sondern Ausdruck tiefen und immerwährenden paneuropäischen Bewusstseins.

Zum Foto: Bundessprecher Dr. h.c. Bernd Posselt (links) und SL-Landesvorsitzender Steffen Hörtler (rechts) zeichneten am 4. Juni 2022 den rumänischen Staatspräsidenten Klaus Iohannis und Ukraines Präsidenten Wolodymyr Selenskyj (vertreten durch die aus der Ukraine geflohene Lehrerin Olga Kovalchuk) mit dem Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft aus (Foto: Sudetendeutsche Landsmannschaft).

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