„Wenn die EU der Körper Europas ist, so ist die Paneuropa-Bewegung ihr Geist und ihre Seele,“ beschrieb sinngemäß einst der vormalige Slowakische Staatspräsident Richard Schuster treffend die Rolle einer Institution, die am kommenden Wochenende in die Feierlichkeiten zu ihrem 100. Bestehen eintreten wird. Die Vertretungen der Paneuropa-Union Deutschlands und der Tschechischen Republik treffen sich dabei von Freitag bis Montag in Nürnberg, Ronsperg und Strasbourg, drei Orte, die für große Europäische Geschichte stehen.

Während Strasbourg als einer der Standorte des Europäischen Parlaments für die Europäische Union von heute steht und die alte Reichsstadt Nürnberg als einstiger Hort der Insignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als Symbol eines durchaus multiethnisch/europäisch zu bezeichnenden Vorläufers in alter Zeit gelten darf, so bedarf der Ort Ronsperg (Poběžovice) sicherlich der Erläuterung. Doch diese Kleinstadt auf der böhmischen Seite des Oberpfälzer Waldes atmet mindestens ebenso viel europäischen Geist wie die genannten Metropolen im Elsass und in Franken. Denn in Ronsperg befand sich seit 1864 der Familiensitz der Reichsgrafen Coudenhove-Kalergi, einer uralten Adelsfamilie, die sich bis in die Zeiten der Kreuzfahrer im frühen 12. Jahrhundert zurückverfolgen läßt, ihren berühmtesten Vertreter aber wohl im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Geboren wurde Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi (1894-1972), der zweitälteste Sohn des k.k.-Diplomaten Heinrich (1859-1906) und seiner japanischen Gattin Mitsuko (1874-1941) freilich noch im 19. Jahrhundert, am 16. November 1894, aktiv und bis zum heutigen Tage wirkmächtig wurde Richard dann aber in den 1920er Jahren, als er – geboren noch am Wirkungsort seines Vaters in Tokio, im Säuglingsalter aber bereits nach Ronsperg übersiedelt – eine Bewegung ins Leben rief, die alle Europa bewegten noch heute in Atem hält. Den Ersten Weltkrieg hatte der Sohn der Kosmopoliten Mitsuko und Heinrich von Coudenhove-Kalergi als „Bürgerkrieg zwischen Europäern“ wahrgenommen, entwickelte aus dieser Erfahrung heraus 1922 die Paneuropa-Idee, die bald viele internationale Unterstützer fand. In Deutschland von der schwarz-rot-goldenen (Wählt Sozialdemokraten, Zentrum und Demokraten!) Speerspitze der Weimarer Republik – man denke an Paul Löbe, Konrad Adenauer oder Gustav Stresemann – in Österreich von den Granden sowohl der Christsozialen (Ignaz Seipel) als auch der Sozialisten (Karl Renner), in der Tschechischen Republik ebenfalls gleichermaßen vom „bürgerlichen“ Staatsgründer Tomáš Masaryk und dem „sozialistischen“ Außenminister Edvard Beneš. Mindestens genauso wichtig wie Politiker jener Zeit – nicht zu vergessen sind hier natürlich auch die Franzosen, allen voran Aristide Briand – war für die Verbreitung der paneuropäischen Bewegung aber die Unterstützung durch Intellektuelle, Künstler und Wirtschaftstreibende jener Zeit. So konnten im Laufe der Zwanziger Jahre die Schriftsteller Thomas Mann, Arthur Schnitzler, Franz Werfel oder Stefan Zweig ebenso als Unterstützer gewonnen werden wie der Komponist Richard Strauß, der Unternehmer Robert Bosch oder Nobelpreisträger Albert Einstein, aber auch weit über die deutschsprachige Welt hinaus.

Der Aufstieg des Faschismus in Europa unterbrach die Bemühungen des Grafen jäh, Coudenhove-Kalergi musste wie sein junger Mitstreiter, der spätere Präsident der Internationalen Paneuropa-Union, Otto von Habsburg (1912-2011) als Verfolgter in die USA emigrieren. Vielen weiteren Unterstützern und Funktionsträgern der Bewegung erging es ebenso.

Doch die Idee ging nicht unter und wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von keinem Geringeren als Winston Churchill wieder aufgegriffen. In seiner berühmten Schweizer Rede forderte er bereits 1946 die Gründung eines Europäischen Staatenbundes mit Verweis auf die über 20 Jahre zuvor vom tschechischen Staatsbürger Coudenhove-Kalergi begründete Bewegung. Wie damals die Paneuropa-Union war übrigens auch Churchill der selbstverständlichen Ansicht, dieser Staatenbund solle rein kontinental sein. In den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten hat sich die Paneuropa-Union ideell, aber auch ganz praktisch in das Werden der EWG und der späteren EU eingebracht. Am nachhaltigsten für die breite Öffentlichkeit bleibt sicher Coudenhove-Kalergis Vorschlag, Beethovens „Ode an die Freude“ zur Europahymne zu deklarieren. Diese Idee wurde Jahrzehnte nach Coudenhove-Kalergis Tod im Jahre 1972 Wirklichkeit. In Otto von Habsburg, dem letzten habsburgischen Kronprinzen und langjährigen Abgeordneten des Europäischen Parlaments, fand der Abkömmling einer k.k.-Beamten- und Diplomatenfamilie einen würdigen Nachfolger, dem 2004 wiederum der ehemalige französische UN-Gesandte und EP-Abgeordnete Alain Terrenoire folgte.

Auch in der jüngeren Vergangenheit hat die Paneuropa-Union nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, an dem die Bewegung im Hintergrund wesentlich mitgewirkt hat (das legendäre paneuropäische Picknick im Sommer 1989 ist hier ein ikonisch gewordenes Beispiel), hat Paneuropa weit nach Osteuropa ausgegriffen. Landesverbände nicht nur in der Tschechischen Republik, der Slowakei und Polen, sondern auch in allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens, in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Albanien oder im Baltikum bezeugen dies. Sehr früh hat die Paneuropa-Union auch bereits gefordert, diesen Staaten die Möglichkeit eines EU-Beitritts zu ermöglichen, was in vielen Fällen schon gelungen ist, in anderen zumindest im Werden.

Ein Blick sei vor den 48. Paneuropa-Tagen der Paneuropa-Union Deutschland gemeinsam mit der Tschechischen Paneuropa-Union am Wochenende auch auf die deutsche Sektion der Paneuropa-Union erlaubt. Hier führt die vielen engagierten Europabewegten seit bald 25 Jahren mit Dr. h.c. Bernd Posselt ein Mann, der „Paneuropa“ sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen hat. Der Münchner Journalist hat seit Teenager-Jahren Führungsaufgaben in der Paneuropa-Union inne und als politischer „Ziehsohn“ Otto von Habsburgs Weitsicht und tiefes Verständnis von Geist und Sinn Europas „geerbt“ – und weiterentwickelt. Die klare und kompromisslose Haltung für ein vereintes Europa, mit der er das so genannte progressive Spektrum in der Politik oft überholt – nicht rechts, nicht links, sondern immer geradeaus – hat es Posselt, der immerhin 20 Jahre CSU-Abgeordneter im Europäischen Parlament war, im eigenen politischen Lager in der Vergangenheit nicht immer leicht gemacht. Genauso übrigens wie in seiner zweiten Lebensaufgabe als unablässiger Versöhner und Brückenbauer zwischen Deutschen und Tschechen im Rahmen seiner Funktion des Bundessprechers der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Möge dieser große Menschenfischer und Ausnahmerhetoriker für die Sache Europas noch lange wirken!

Vom Leiter der Chefredaktion Prof. Dr. Wolfgang Otto

Zur Abbildung: Die Österreichische Bundespost gab 1994 zum 100. Geburtstag Richard von Coudenhove-Kalergis eine Sonderbriefmarke heraus.

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