Zu Besuch im Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt

Der August ist ja der klassische Ferien- und Urlaubsmonat. Das EUROjournal will die nächsten Wochen den ein oder anderen Ausflugstipp zu interessanten Ausstellungen oder Orten unterbreiten. Den Start macht heute das Bayerische Armeemuseum in Ingolstadt, das in diesem Jahr zudem ein Jubiläum feiern kann.

Vor 50 Jahren wurde das Bayerische Armeemuseum im Neuen Schloss Ingolstadt wiedereröffnet, nachdem es bereits 1879 in der Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Bayern gegründet worden war. War es dort in den ersten Jahren im Zeughaus der Bayerischen Armee untergebracht, folgte 1905 der Umzug in einen eigens errichteten Prachtbau am Münchner Hofgarten. Das Armeemuseum existierte an dieser Stelle weitere 40 Jahre, ehe das Gebäude bei Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs umfangreicher Zerstörung anheimfiel. Der das Gebäude dominierende Mittelbau mit Dachkuppel blieb erhalten und ist heute – ab den 1980er Jahren denkmalgerecht saniert und erweitert – als Bayerische Staatskanzlei bekannt. Die Sammlung des Armeemuseums war dagegen ab 1946 im Bayerischen Nationalmuseum untergebracht. Ende der 1960er Jahre wurde der Wunsch nach Wiedergründung eines Bayerischen Armeemuseums wieder vorangebracht und endete mit dem Umzug in das Neue Schloss in Ingolstadt, wo die Dauerausstellung 1972 eröffnet wurde.

Damit war die Bayerische Armee, die bis zum Ende des Königreichs 1918 existierte, wieder an einem ihrer Hauptschauplätze angekommen. Schließlich war Ingolstadt ab dem 16. Jahrhundert eine der wesentlichen Festungsstädte des Herzogtums Baiern gewesen. Herzog Wilhelm IV. (1493-1550) war nicht nur der Wittelsbacher, unter dem die bairischen Teilherzogtümer 1545 wiedervereinigt wurden (es war freilich noch ein kleineres (Alt)Baiern, das in erster Linie die heutigen Regierungsbezirke Ober- und Niederbayern sowie Teile der Oberpfalz, die nicht unter der Herrschaft der pfälzischen Wittelsbacher standen, umfasste), sondern gilt auch als einer der entschiedensten frühen Vertreter der Gegenreformation (was auch sein Beiname „der Standhafte“ verrät). Gleichwohl förderte Wilhelm IV. durchaus auch dem Protestantismus anhängende Künstler wie etwa Albrecht Altdorfer, dessen berühmtestes Werk „Alexandersschlacht“ der Landesherr für seine Neue Residenz in München in Auftrag gab. Dass der Neffe und Enkel der Habsburger Kaiser Maximilian I. und Friedrich III. daneben auch der Donator des „Bayerischen Reinheitsgebots“ war, sei hier nur zur vollständigen Darstellung des Wirkspektrums Wilhelms mit Auswirkungen bis in unsere Zeit am Rande erwähnt.

Doch zurück zu Ingolstadt, das den lange Zeit einzigen Donauübergang im Herrschaftsbereich der bairischen Wittelsbacher als Hauptfestungsstadt schützte. Die alte Bedeutung dieser oberbayerischen Großstadt, die einst auch die erste und lange Zeit einzige Universität Bayerns beherbergte (1472 bis 1800, nach kurzem Intermezzo in Landshut seit 1826 als Ludwig-Maximilians-Universität in München lokalisiert), drohte fast in Vergessenheit zu geraten, als der prosperierende Wirtschaftsstandort in den 1960er Jahren als neue Heimat des Bayerischen Armeemuseums auserkoren wurde.

Der Verein der Freunde des Bayerischen Armeemuseums hat diese Entwicklung seit seiner Gründung im Jahre 1967 wesentlich mitbestimmt und unterstützt das Museum bis heute wesentlich, etwa auch bei der Anschaffung besonderer Ausstellungsstücke. Der große Komplex „Erster Weltkrieg“ wird heute in einer separaten Ausstellung in der Reduit Tilly, einem aus der Zeit König Ludwig I. stammenden klassizistischen Bauwerk Leo von Klenzes, präsentiert. Die umfangreiche polizeigeschichtliche Sammlung wird unweit davon im ebenfalls aus den 1830er Jahren stammenden Turm Triva gezeigt. Ist der Name Tilly den meisten auch heute noch als General des Dreißigjährigen Krieges geläufig, so ist es mit Johann Nepomuk von Triva schon anders gelagert. Zu Unrecht, war der Humanist auf dem Stuhl des bairischen Kriegsministers (1814-1822) doch eine mindestens ebenso interessante Persönlichkeit, der u.a. die seinerzeit in den deutschen Armeen übliche und praktizierte körperliche Züchtigung der Soldaten abschaffte und damit den Bildungspolitikern etwa 150 Jahre voraus war.

Uns soll heute aber vor allem die Dauerausstellung im Neuen Schloss interessieren, die sich seit der Neugestaltung im Jahre 2019 in erster Linie den Epochen bis zur Etablierung des Königreichs verschrieben hat („Formen des Krieges 1600-1815“). Es war dem Autor ein besonderes Privileg und Vergnügen zugleich mit dem langjährigen Vorsitzenden des bereits erwähnten „Vereins der Freunde“ durch die Dauerausstellung im Neuen Schloss zu wandeln und sich auf die Spuren des frühen Militär- und Staatswesens in Baiern zu begeben. Der gebürtige Ingolstädter Manfred Dumann, ehemaliger CSU-Landtagsabgeordneter (1974-1990) und später als Geschäftsführer beim Flugzeugteile- und Helikopter-Produzenten Eurocopter tätiger Wirtschaftskapitän, darf getrost als wandelndes Universallexikon bezeichnet werden mit einem heute auch bei der älteren Generation kaum noch anzutreffenden Detailwissen zu einem Kaleidoskop interessanter Themen. Zahllose Ausstellungsstücke konnte der Verein unter Dumanns Führung von 1989 bis 2016 für das Armeemuseum akquirieren oder dazu maßgeblich beitragen. So wie zuletzt auch unter seinen Nachfolgern Dr. Ernst Aichner, dem langjährigen Direktor des Armeemuseums, und dem aktuellen Vereinschef Robert Brannekämper, Ausschussvorsitzender für Wissenschaft und Kunst des Bayerischen Landtags.

Das neueste, frisch restaurierte Stück der Ausstellung, zog denn beim „Tag der offenen Tür“ des Armeemuseums anlässlich seines 50. Jubiläums in Ingolstadt auch den inzwischen zum Ehrenvorsitzenden des Freundeskreises avancierten Manfred Dumann sowie den Autor in seinen Bann. Die prunkvolle Reitgarnitur des Herzogs Maximilian von Baiern, die sich dieser anlässlich seiner Erhebung zum Kurfürsten im Jahre 1623 von einem Prager Goldschmied erstellen ließ, ist ein glänzendes Juwel der Ausstellung geworden, mühsam aus allen Richtungen zusammengetragen, rekonstruiert und restauriert. Für alle möglichen Kulturtechniken verfügt das Bayerische Armeemuseum unter Führung seines Direktors Dr. Ansgar Reiß als vom Freistaat Bayern getragenes und finanziertes Museum über Werkstätten: neben der allfälligen Büchsenmacherei und Wagnerei u.a. auch eine Buchbinderei und Fahnenstickerei.

Eine Besonderheit des Armeemuseums ist auch das große Zinnfigurenkabinett, das im Südostturm des Neuen Schlosses untergebracht ist und in eindrucksvollen Dioramen mit mehreren tausend Zinnfiguren wesentliche Schlachten unter Beteiligung des bairischen Heeres nachstellt, u.a. die letzte große kriegerische Auseinandersetzung des Dreißigjährigen Krieges bei Zusmarshausen und die so genannte Vielvölkerschlacht bei Leipzig von 1813. Das Neue Schloss wurde ab 1430, einer Zeit, als Ingolstadt noch die Residenzstadt des gleichnamigen bairischen Teilherzogtums war, von Herzog Ludwig dem Gebarteten errichtet. Später war der Bau nicht nur nach „draußen“ befestigt, sondern auch zur Stadt Ingolstadt hin mit einem Graben umgeben, was zeigt, dass das Herzogtum bereits über 400 Jahre vor der Revolution in Bayern durchaus auf Nummer sicher gehen wollte. Heute hat man den Graben aber längst abgelassen und die Zugbrücke gesenkt, um mit offenen Armen jährlich Tausende von Besucherinnen und Besuchern zu empfangen.

Vom Leiter der Chefredaktion Prof. Dr. Wolfgang Otto

Anmerk. der Red.: Das Bayerische Armeemuseum im Neuen Schloss Ingolstadt und die genannten Dependancen haben ganzjährig außer an Montagen sowie an Sylvester/Neujahr, Faschingsdienstag, Karfreitag, Allerheiligen und Weihnachten (24./25.12.) geöffnet.

Zu den Fotos: Manfred Dumann, Ehrenvorsitzender des „Vereins der Freunde des Bayerischen Armeemuseums“ gibt Erläuterungen zur neuesten Errungenschaft des Museums, Kurfürst Maximilian I. prunkvoller Reitgarnitur (oben).

Eindrucksvolles Diorama der Schlacht von Zusmarshausen (1648) mit mehreren tausend Zinnfiguren. Die Installation einer zeitgenössischen Kampfsituation des 17. Jahrhunderts zeigt, dass die Reiterei gegen gut ausgestattete Fußsoldaten nicht unbedingt im Vorteil sein musste (mitte).

Das Neue Schloss Ingolstadt beherbergt seit 1972 das Bayerische Armeemuseum (unten) (Fotos: Wolfgang Otto).

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