Christian David prägte neben Zinzendorf die ersten Jahre Herrnhuts

In unserer Reihe zu den Jahrestagen 2022 erreichte uns ein Beitrag, der auf die Gründung Herrnhuts, dem Hauptort der Herrnhuter Brüdergemeine und seit 2016 „Reformationsstadt Europas“, im Juni vor 300 Jahren Bezug nimmt. Dr. Klaus Loscher ist als evangelischer Theologe, ehemaliger Pfarrer und Studiendirektor in Bayreuth natürlich prädestiniert, zu diesem Thema zu schreiben. Während Graf Zinzendorf im Zusammenhang mit Herrnhut wohlbekannt ist, hat sich das Kollegiumsmitglied des EUROjournals einen deutlich weniger bekannten Protagonisten herausgesucht, um an ihm die Gründung Herrnhuts im Jahre 1722 nahezubringen.

Nur Eingeweihte wissen um die Bedeutung des Christian David für die Brüdergemeine. Bei der Gründung von Herrnhut, jenem 1.300 Einwohner zählenden abgelegenen Dorf in der sächsischen Oberlausitz, muss neben Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) vor allem Davids (1692-1751) Einsatz angeführt werden.

Falscher Taufeintrag

Dabei war selbst sein Geburtstag lange umstritten. Die Taufe auf den Namen Krystyan ist für den 17. Februar 1692 nachgewiesen, wurde jedoch aus Versehen in die Taufmatrikel der Gemeinde Liebisch (tschech. Libhost), nicht in die von Senftleben eingetragen. Der Geburtstag könnte demnach der 16. Februar 1692 sein. Davids Vater hieß Jan, seine Mutter Rosyna. Christian (so schrieb er sich selbst) David war zunächst Hütejunge, preußischer Soldat und schließlich Zimmermann wie sein Vater.

Eigene Herkunftsangaben

Über seine Herkunft schrieb er selbst: „Ohngefähr 1692 bin ich zur Welt gebohren in Mehrn von Senfleben ein Meil von Neytitzschein. Mein Vatter ist ein böm gewesen seiner proffession ein Zimmerman, die Mutter aber deitzscher natzion. Habe in meiner Jugend die Küh und Schaffe gehittet ist da bey viel Wunderliches vorgangen, bey meiner Schäfferey habe 2 mahl in den Wäldern ein grosses teil von meinen Schaffen verloren, die über nacht in Wäldern geblieben und sie in grosser angst gesuchet entlich doch alle mahl gefunden, ein mahl hab ich dem Wolf ein schaf auß dem rachen ab gejagt ohne waß sich sonst zu getragen zu geschweigen, welches mir hernach einen tiefen ein Druck gegeben da ich den lieben Heilland als einen gutten Hirten habe kennen lernen. Wie er dem verlohrnen schaff nach gehet und läst die überigen in der Wüsten und sucht daß verlohrne. Des gleichen wen er den Wolf siet kommen nicht fliehe sondern sein leben läst. Dieses hat mir einen grossen auf Schluß von der bekehrung des Menschen gegeben.“ (Handschriftl. Lebenslauf aus: Unitäts-Archiv Herrnhut)

Christian David war zuerst überzeugter Katholik, fand aber in den Zeremonien und Praktiken des Katholizismus keine Erfüllung. Beim Erlernen des Zimmererhandwerks kam er durch seinen Lehrherrn mit der evangelischen Lehre in Berührung. Obwohl von geringer Schulbildung, setzte er sich mit Luthers Rechtfertigungslehre auseinander.

Er studierte das Alte Testament, als er von Einwänden der Juden gegen das Neue Testament hörte. Im Eingehen auf die Lehren des Judentums erhielt er die Gewissheit, dass Jesus die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen ist. Er wanderte nun nach Berlin, um zu den Lutheranern überzutreten, in der Hoffnung, Frieden für seine Seele zu finden. Durch ein sehr strenges Leben wollte er gegen die eigene Sünde ankämpfen – doch vergebens.

In diesem Zustand entschloss er sich, Soldat im preußischen Heer zu werden. Auch hoffte er, mehr Zeit und Muße für Gebet und Bibelstudium zu finden. Als ihm ausgerechnet seine ihm kostbare Bibel und das Gesangbuch gestohlen wurden, hatte er „die Nase voll“. Nun kehrte er wieder zum alten Beruf des Zimmerers zurück.

Während einer halbjährigen schweren Erkrankung in Görlitz erhielt David mehrmals den Besuch des Erweckungspredigers Schwedler. Dieser Mann wurde das Werkzeug Gottes, den grübelnden Handwerksburschen zur Gewissheit der Vergebung seiner Sünden zu führen.

Nach seiner Genesung wanderte David in seine alte Heimat Mähren, um seinen offiziell katholischen, aber heimlich protestantischen Freunden das Evangelium zu predigen. Es kam zu einer Erweckung, als er Schlesien und Mähren durchzog, wobei er sich auch nicht durch blutige Auseinandersetzungen mit Grenzwächtern beirren ließ. Die vom Geist Gottes erfüllten Männer waren sogar bereit, ihre Heimat zu verlassen, wenn es Christian ermöglichen könnte.

Treffen mit Zinzendorf

Christian David gilt als originellster, aber auch eigenwilligster unter den Gemeine-Ältesten Zinzendorfs. Bei seiner ersten Begegnung erhielt er von diesem die Zusage, sich mit den Glaubensflüchtlingen auf seinem Gut Berthelsdorf unterhalb des Hutberges ansiedeln zu dürfen. Diese ersten Siedler waren Anhänger der im 15. Jahrhundert gegründeten böhmisch-mährischen Brüder-Unität. Sie kamen aus Gebieten, die heute in Tschechien, Polen und Deutschland liegen. Sie waren glücklich, endlich Gott so lieben zu dürfen, wie es ihrem Glauben entspricht, ohne sich vor Kirche und Regierung verstecken zu müssen.

Ortsgründung Herrnhuts

Den ersten Akt der Ortsgründung „Herrnhut“, das heißt, „unter der Obhut des Herrn“, begleitete Psalm 84,4: „Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.“ Dieses Gründungswort verkündete Christian David am 17. Juni 1722, als er mit seinem legendären Breitbeil ausholte, um den ersten Baum zum Bau Herrnhuts zu fällen.

Reisen für das Evangelium

Als „Des Herrn Knecht“ trieb es David am 18. Juli 1733 zur Mission unter den Eskimos, deren Missionshaus in Godthaab (heute Neuherrnhut) er wiederum mit seinem Breitbeil erbaute. 1737 finden wir ihn in Holland, um die Brüdersiedlung „Herrendick“ aufzubauen. 1738 wirkte er vier Jahre in Livland, lernte die lettische Sprache, um predigen zu können und baute die Siedlung „Brinkenhof“. 1747 war er erneut in Grönland zur Errichtung eines Kirchensaales und eines Wohnhauses. 1748 begleitete er eine Siedlerkolonne nach Pennsylvanien und missionierte bei dieser Gelegenheit unter den Indianern.

Zurückgekehrt nach Herrnhut, wollte er nochmals alle Brüdergemeinen in Deutschland besuchen. Nach kurzer Krankheit wurde er jedoch am 3. Februar 1751, noch nicht 59 Jahre alt, von seinem Herrn heimgerufen. Auf seiner Grabplatte in Herrnhut steht: „Christian David des Herrn Knecht. Ein Zimmermann.“

Sein Lied Sonne der Gerechtigkeit, von dem die Strophen 1 und 6 von David stammen, ist durch Otto Riethmüllers Jugendgesangbuch Ein neues Lied (1932) bekannt geworden und hat sich als eines der wichtigsten ökumenischen Lieder durchgesetzt (EG 263, GL 481). Es wurde auch in mehrere Sprachen übersetzt. Darüber hinaus schuf er etliche Lieder für das Gesangbuch der Brüdergemeine.

Von Kollegiumsmitglied Dr. theol. Klaus Loscher

Zu den Fotos: Die Herrnhuter missionierten und missionieren noch heute weltweit, im 18. Jahrhundert auch in den Kolonnien Nordamerikas (wie der Kupferstich von der Taufe von Mitgliedern der Delawaren oben zeigt). Auch Christian David (Porträt), der Konvertit aus Mähren, war daran beteiligt (Fotos: gemeinfrei).

    

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