Was ist Innovationsresilienz? Internationale Expertinnen und Experten teilen ihre Definitionen. Teil 3 einer spannenden gemeinsamen Artikelreihe von Dieter Brockmeyer und Ingrid Vasiliu-Feltes, dieses Mal mit Shelli Brunswick, John Gomez und Mahendra Kumar Bhandari.

Halbe Erdkugel mit Tablets und Löwenzahn
Löwenzahn – ein perfektes Beispiel für Resilienz, Foto: ChatGPT

In dem kürzlich erschienenen Buch „RESILIENZ: Überleben zwischen Deep-Tech Revolution und Globalem Umbruch habe ich dargelegt, dass wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft gegenüber der sich stetig beschleunigenden Innovationsdynamik nur dann widerstandsfähiger machen können, wenn dies durch eine kollektive Anstrengung geschieht – eine, die soziale und geografische Grenzen überwindet. Das erfordert Dialog, einschließlich offener und auch kontroverser Debatten. Und als ersten Schritt bedarf es einer klaren Definition von „Innovationsresilienz“.

Gemeinsam mit Ingrid Vasiliu-Feltes haben wir einen ersten Schritt unternommen, indem wir internationale Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen eingeladen haben, ihre eigenen, prägnanten Definitionen dieses Konzepts für einen gemeinsamen Beitrag zu formulieren. Diese präsentieren wir in einer kurzen Reihe, wobei jede Ausgabe drei Beiträge umfasst. Jeder einzelne davon ist lesens- und vor allem auch bedenkenswert.

In diesem dritten Teil unserer kleinen Serie stellen wir Beiträge von Shelli Brunswick, John Gomez und Mahendra Kumar Bhandari vor. Die Autoren liefern wertvolle Einblicke und eröffnen eine komplexe, vielschichtige Perspektive auf Innovationsresilienz. Sie betonen insbesondere die Bedeutung der Synchronisierung technologischer Strukturen mit institutionellen sowie am Menschen orientierten Zielen. Zugleich heben alle die Herausforderungen hervor, die sich beim Aufbau von Innovationsresilienz aus geopolitischer, gesellschaftlicher und technologischer Sicht ergeben. Trotz unterschiedlicher fachlicher Hintergründe eint sie die Erkenntnis, dass Innovationsresilienz ein bereichsübergreifendes Paradigma ist – entscheidend für langfristigen Erfolg und verantwortungsvollen Fortschritt.

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Die ehemalige Führungskraft der Space Agency in den USA, Shelli Brunswick, inspiriert heute weltweit Führungspersönlichkeiten und Organisationen, größer zu denken, mutiger zu handeln und die Zukunft durch weltrauminspirierte Innovation zu gestalten. Dies prägt auch ihren Ansatz zur Innovationsresilienz:

Die Fähigkeit von Gesellschaften, Institutionen und Führungskräften, sich anzupassen und weiterzuentwickeln

Innovationsresilienz ist die Fähigkeit von Gesellschaften, Institutionen und Führungskräften, sich angesichts beschleunigten technologischen Wandels anzupassen und weiterzuentwickeln. Sie bedeutet nicht nur, Störungen zu verkraften, sondern kontinuierlich zu lernen, Systeme neu zu gestalten und zielgerichtet voranzuschreiten.

Das heutige Tempo technologischer Fortschritte – von künstlicher Intelligenz über Quantencomputing bis hin zu weltraumgestützter Infrastruktur – überholt viele Governance-Modelle, Arbeitsmarktsysteme und politische Rahmenwerke, für die sie ursprünglich konzipiert wurden. Die Herausforderung liegt nicht in der Innovation selbst, sondern darin, ob sich unsere Institutionen und Führungsstrukturen parallel dazu weiterentwickeln können.

„Innovationsresilienz entsteht, wenn technologischer Fortschritt auf Führung trifft, die in der Lage ist, Komplexität, Unsicherheit und vernetzte Systeme zu navigieren.“

Weltweit erleben wir außergewöhnliche Durchbrüche. Dennoch verläuft der Fortschritt ungleichmäßig. Während einige Innovationsökosysteme rasant voranschreiten, arbeiten viele Institutionen noch immer in Strukturen, die für eine langsamere Ära des Wandels geschaffen wurden. Diese Lücke zu schließen, erfordert Führungspersönlichkeiten, die Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft miteinander verbinden und Zusammenarbeit statt Fragmentierung fördern.

Aus der Perspektive des Raumfahrtökosystems ist dieser Wandel bereits sichtbar: Raumfahrttechnologien bilden heute die Grundlage für Kommunikation, Klimadaten, Navigation und kritische wirtschaftliche Infrastrukturen auf der Erde. Sie zeigen, wie Innovation zunehmend über Grenzen, Sektoren und Disziplinen hinweg wirkt.

„Resilienz muss in die Architektur globaler Zusammenarbeit integriert werden.“

Mit wachsender Vernetzung technologischer Systeme wächst auch die Verantwortung von Führung.

„Die Zukunft wird nicht allein durch Technologie geprägt, sondern durch die Systeme und Führungskräfte, die bestimmen, wie Technologie entwickelt, reguliert und geteilt wird.“

Letztlich hängt Innovationsresilienz davon ab, technologischen Fortschritt mit verantwortungsvoller Führung, internationaler Zusammenarbeit und einer langfristigen Vision für die gemeinsame Zukunft der Menschheit in Einklang zu bringen.

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John Gomez baut Medienökosystemen mit starkem Fokus auf Kunst und Kultur und gilt als analytischer Innovationstheoretiker mit Blick auf das Meta- und Omniversum sowie auf Web3 und KI. Er beleuchtet die unterschätze Rolle des Kultursektors für gesellschaftliche Resilienz:

Resilienz im Kunst- und Kultursektor stärken

Der Aufbau von Resilienz im Kunst- und Kultursektor wird zunehmend als strategische Notwendigkeit erkannt – für jede Gesellschaft, die langfristige soziale Stabilität, kulturelle Kontinuität und wirtschaftliche Nachhaltigkeit sichern will. Angesichts seiner zentralen Rolle bei der Prägung kollektiver Erinnerung, der Förderung von Innovation und der Gestaltung öffentlicher Diskurse ist es bemerkenswert, dass dieser Sektor historisch unterfinanziert und strukturell vernachlässigt wurde. Kulturelle Institutionen sind meist auf philanthropische oder öffentliche Mittel angewiesen oder erhalten lediglich projektbezogene Förderungen – was sie anfällig für wirtschaftliche Schocks, geopolitische Krisen und technologische Umbrüche macht.

Neue Finanzierungsinstrumente wie Blended Finance, Cultural Impact Bonds, tokenisierte Kulturgüter, öffentlich-private Partnerschaften und digitale Förderplattformen bieten kosteneffiziente Möglichkeiten, diesen Herausforderungen zu begegnen. Sie eröffnen nachhaltige Wege, in kulturelle und kreative Aktivitäten zu investieren, und ermöglichen es Institutionen, Künstlerinnen und Künstlern sowie Museen, neue Finanzierungsquellen zu erschließen und ein erweitertes Spektrum an Investorinnen und Investoren zu gewinnen, die an langfristigen gesellschaftlichen Mehrwerten interessiert sind.

Da Kunst und Kultur zentrale Träger nationaler Identität und Werte sind, liegt es im Interesse aller, ihre finanzielle Resilienz zu sichern. Kunst und Kultur stehen im Zentrum jeder Gesellschaft: Sie treiben Innovation, Bildung und Diplomatie voran, fördern kreatives und kritisches Denken und stärken das gegenseitige Verständnis. In neue Finanzierungsmodelle für diesen Bereich zu investieren, bedeutet daher, in die Menschheit selbst zu investieren.

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Mahendra Kumar Bhandari, Gründer der in Hyderabad ansässigen Global Academy for Legal Tech Education and Research (GALTER) und erfahrener Rechtswissenschaftler mit Fokus auf Governance fortgeschrittener Technologien, argumentiert nicht nur aus der regulatorischen Perspektive:

Innovationsresilienz als Fähigkeit eines Innovationsökosystems

Innovationsresilienz ist die Fähigkeit eines Innovationsökosystems – bestehend aus Unternehmen, Forschung und Infrastruktur –, nicht nur externe Schocks (wie Wirtschaftskrisen oder Pandemien) zu überstehen, sondern sich durch diese hindurch anzupassen und weiterzuentwickeln. Im Gegensatz zur „ingenieurtechnischen Resilienz“, die auf die Rückkehr zu einem vorherigen Gleichgewicht abzielt, ist Innovationsresilienz proaktiv und evolutionär. Sie begreift Störungen als Katalysator für „schöpferische Zerstörung“ und ermöglicht es Systemen, sich hin zu nachhaltigeren und technologisch fortschrittlicheren Entwicklungswegen neu auszurichten.

Die Rolle von Gesetzgebung und Recht

Obwohl Recht oft als starres Regelwerk wahrgenommen wird, ist es ein zentrales Instrument für Innovationsresilienz, da es Stabilität und Flexibilität ausbalanciert.

Adaptive Governance und regulatorische Sandboxes: Klassische „Command-and-Control“-Regulierung kann schnelle Anpassungen behindern. Moderne Ansätze nutzen regulatorische Sandboxes – kontrollierte Umgebungen, in denen Innovationen (z. B. in FinTech oder KI) unter gelockerten Bedingungen getestet werden können. So können Gesetzgeber reale Erfahrungen sammeln, bevor dauerhafte Regelungen geschaffen werden.

Geistiges Eigentum als Stabilitätsfaktor: Starke Schutzrechte sichern Investitionserträge und fördern langfristige Forschung und Entwicklung – auch in volatilen Zeiten. Gleichzeitig sorgen flexible Lizenzmodelle und Zwangslizenzen in Krisen (z. B. im Gesundheitsbereich) dafür, dass Innovation dem Gemeinwohl dient.

Risikoorientierte Standards: Gesetze, die Leistungsziele statt konkreter Technologien vorschreiben (Technologieneutralität), stärken die Resilienz. Umweltgesetze, die Emissionsziele definieren statt bestimmte Technologien vorzuschreiben, fördern beispielsweise vielfältige Innovationsansätze und reduzieren Abhängigkeiten.

Fazit

Recht unterstützt Innovationsresilienz, indem es regulatorische Unsicherheit reduziert. Durch klare Rahmenbedingungen für Experimente und verlässlichen Schutz erfolgreicher Ergebnisse verwandelt ein resilientes Rechtssystem „Risiko“ in „beherrschbare Unsicherheit“ – und stellt sicher, dass der Innovationsmotor auch in turbulenten Zeiten weiterläuft.

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In diesem dritten Teil haben wir weitere Vordenkerinnen und Vordenker aus unterschiedlichen Branchen vorgestellt. Trotz verschiedener Perspektiven zeigen sich erneut gemeinsame Kernelemente. Die abschließenden Beiträge versprechen weitere vertiefende Einblicke in das Konzept der Innovationsresilienz – insbesondere, wie ich überzeugt bin, im Fazit meiner Coautorin Ingrid Vasiliu-Feltes.

Abschließende  Stimmen: Neville Gaunt, Alexander Pinker and Ingrid Vasiliu-Feltes
Bisherige Stimmen: Amritaa Singh, Raphael Nagel, Haya Mvita, Catina Schuster, Vincent Ligorio, Sindhu Bhaskar

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