Die 180-Grad-Wende der westdeutschen nicht nur radikalen Linken während des Sechstagekrieges, der vom 5. – 10. Juni 1967 stattfand, gegenüber Israel und dem Judentum ist ein Phänomen, das in der Öffentlichkeit in seiner Tragweite kaum wahrgenommen wird. Dabei ist das eine Ursache der Situation, mit der wir heute zunehmend zu kämpfen haben, nämlich dem immer offensichtlicheren Schulterschluss zwischen radikalem Islam und der Linken, die inzwischen sogar über deren radikalen Rand hinaus geht. Diese kleine vierteilige Serie zeichnet beispielhaft die entscheidende Phase des Umschwungs nach und versucht, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Hier der erste Teil, der in die Thematik einführt:

Panzer im Sechs-Tage-Krieg
Der Sechs-Tage-Krieg 1967 änderte die Israelwahnehmung der radikalen Linken signifikant. Bild von Jim Black auf Pixabay

Von Pro zu Kontra

Die westdeutsche Linke war noch in den 50er Jahren pro-israelisch, sah Israel mit seiner Kibbuz-Bewegung als sozialistischen Staat und hatte Friedensbemühungen intensiv unterstützt. Daher hätte man erwartet, dass die Linke Israel in diesem Konflikt unterstützt, statt sich von der pro-israelischen Haltung abzukehren.

Wir schauen auf diese 180-Grad-Wende am Beispiel des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) unmittelbar vor, während und nach dem Sechstagekrieg. Der Gegenstand ist gut untersucht, insbesondere Martin W. Kloke und Jeffrey Herf haben sich umfassend mit dem Thema beschäftigt. Dabei ist die Kehrtwende der Einstellung des SDS unumstritten, es stellt sich aber die Frage, ob die Wende nach einem konkreten Ereignis radikal erfolgte, oder als Prozess aufgrund mehrerer, sich gegenseitig verstärkender Ereignisse.

Wir zeigen hier zunächst die Position des SDS und dessen Unterstützung Israels vor dem Sechstagekrieg auf und untersuchen danach die Wahrnehmung des Sechstagekrieges. Die Medien – Bild-Zeitung, Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Frankfurter Rundschau (FR) – vermittelten jeweils unterschiedliche Sichten auf den Sechstagekrieg, die, je nachdem, welches dieser Medien gelesen wurde, unweigerlich zu unterschiedlichen Wahrnehmungen führen mussten. Dieser Blick erstreckt sich weiter auf die Tage vor dem Kriegsausbruch und die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg. Die Veränderungen innerhalb des SDS ereigneten sich unmittelbar vor Kriegsbeginn sowie in den Monaten danach und leiteten die Wende der Einstellungen und des entsprechenden Verhaltens ein.

Ausgangslage

Während der Zeit des Nationalsozialismus waren die Juden radikal verfolgt und ermordet worden und damit Opfer des Nationalsozialismus. Die Gründung des Staates Israel war eine unmittelbare Folge; für den SDS ergab sich daraus das Selbstverständnis, sowohl die Juden wie auch den Staat Israel zu unterstützen. Ebenso wurde der neu gegründete Staat Israel aus sozialistischer Sicht als Vorzeigestaat positiv wahrgenommen, u.a. wegen der Kibbuz-Bewegung und der jüdischen Selbstverwaltung. Die Nahostwahrnehmung war primär Israelwahrnehmung, weniger eine Wahrnehmung von Israel zusammen mit und/oder im Konflikt mit den angrenzenden arabischen Ländern.

Als die Journalisten und Politiker Rudolf Küstermacher und Erich Lüth 1951 ihre Initiative zur Aktion Friede mit Israel begannen, entsprach es dem Selbstverständnis des SDS, diese Initiative zu unterstützen. Auf seiner Delegiertenkonferenz im September 1951 in Braunschweig rief der SDS zum Frieden und zur Zusammenarbeit mit Israel auf. Auch im Sinn einer Abgrenzung von der meist konservativen Elterngeneration, die noch den Nationalsozialismus miterlebt hatte und es nicht versucht oder dabei zumindest nicht erfolgreich gewesen war, die Verfolgung der Juden zu verhindern, war die Unterstützung der Juden und des Staates Israel gewünscht.

Radikal Linke Tendenzen

Allerdings entwickelte der SDS als Teil der Neuen Linken bereits vor dem Sechstagekrieg zunehmend ein antiimperialistisches Weltbild mit den USA als führender imperialistischer Macht. Die Länder, die sich nach Westen – und somit nach den USA – orientierten, wurden gleichfalls als imperialistisch gesehen und kritisiert. Damit galt Israel trotz der sozialistischen inneren Ansätze schon wegen der Westanbindung für den SDS zunehmend als imperialistisch. Die Wende entsprach dem zunehmend linken Verständnis des SDS und lehnte sich an die vorherrschende Wahrnehmung und Einschätzung Israels durch die DDR und die Sowjetunion an, die Israel als Teil der Westmächte kritisierten und die arabischen Staaten unterstützten.      

Vor dem Ausbruch des Sechstagekrieges war Israel von Ägypten, Syrien und Jordanien massiv bedroht worden. Es ging um das Überleben des Staates Israel, man drohte, dass man die Juden ins Meer treiben wolle. Dabei wurden die arabischen Staaten von der Sowjetunion konkret mit modernen Waffen, aber auch ideologisch unterstützt. Die USA beschränkten sich darauf, Israel vor einem eigenen Angriff zu warnen. Deutschland blieb politisch neutral. Zum einen wollte man die eigenen Beziehungen zu den arabischen Ländern verbessern – es gab sogar Überlegungen, dass die Krise Chancen hierzu bieten könnte -, und zum anderen befürchtete man die mögliche Ausweitung des Konflikts zu einem größeren Krieg zwischen der NATO und den Warschauer-Pakt-Staaten. Man wollte in einer Friedensregelung sowohl die Interessen Israels wie auch der arabischen Länder gewahrt sehen. -mw/db-

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