Die Liste der in knapp zwei Wochen besuchten Orte in China ist beeindruckend: Zhenjang, Zhuhai, Quanzhou und Xiamen; vier Orte, 15 Unternehmensbesichtigungen, vier Matchmaking-Veranstaltungen und eine Industriemesse, der Chinese International Fair for Trade and Investment (CIFIT) in Xiamen, mit noch mal zwei Konferenzen und eigenen Präsentationen am Stand: Eindrücke aus einem Land, dass uns weit voraus ist, immer noch im Umbruch und nicht frei von Problemen. Dabei ist China immer noch ein Land der Möglichkeiten, bei allen Spannungen, auch für Deutschland.

Xiamen
Xiamen, Foto: db

Es ging um Industrieautomatisierung und sino-deutsche Kooperation auf dieser von der Chinese International Investment Promotion Agency (Germany), kurz CIIPA, organisierten Delegationsreise zu Beginn dieses Septembers. Beteiligt waren ein bunter Mix aus Unternehmern und Chinaexperten, auch solche, die es erst werden sollten, einige haben sogar konkrete Investitionspläne. Andere wollen erst einmal den Markt sondieren.

Und der scheint aufnahmebereit. Das hängt auch damit zusammen, wie der Staat die Wirtschaft lenkt. Wettbewerb ist nicht nur unter Wirtschaftsunternehmen gefragt. Auch die Regionen müssen sich ihm stellen. Überall werden Sonderwirtschaftszonen ausgewiesen, Industrieparks entwickelt und an den Markt gebracht. Die Konditionen, gerade für ausländische Investoren sind auf den ersten Blick geradezu traumhaft. Mieten für Produktionsflächen liegen vielerorts gerade einmal bei zwei Euro den Quadratmeter und bei vier für Büros. Im ersten Jahr zahlt man keine Miete, 50 und 70 Prozent im zweiten und dritten Jahr. Erst danach wird die ganze Miete fällig. In der Regel können Mitarbeiter direkt neben der Arbeitsstätte im daneben errichteten Wohnblock wohnen, häufig mit eigenen kleinen Shoppingmalls und Sportstätten.

Xiamen Entwicklungsprojekt, Foto: db
Xiamen Entwicklungsprojekt, Foto: db

Die Regionen unterhalten eigene Innovation Center, in denen lokale Universitäten, Unternehmen und die Regionalverwaltung gemeinsam innovative Produkte vorantreiben. Diese Zentren stehen im direkten Wettbewerb mit ähnlichen Centren in anderen Regionen. In Zhuhai gibt es unter anderem das Embodied Intelligence Application Innovation Center, das „verkörperte KI“, also humanoide Roboter entwickelt. Das Basismodell hat man als Open Source ins Netz gestellt und kann weltweit als Grundlage für eigene Entwicklungen genutzt werden.

Ähnlich dynamisch sieht es auf dem Bildungssektor aus. Während bei uns die Budgets von Universitäten eingedampft werden geschieht in China genau das Gegenteil. Ich durfte den Hauptcampus der Jiangsu University in Zhenjiang mit über 40.000 Studenten besuchen. Die Studenten wohnen direkt auf dem Gelände, alles fußläufig und in Top Ausstattung. Ich sprach mit Cui Yong, dem Direktor des internationalen Büros der Universität. Das Interesse an Studenten aus Deutschland, die ein oder zwei Semester vor Ort verbringen wollen, ist hoch; auch an Professoren, um gemeinsam Forschungsprojekte voranzubringen. Gemeinsame Projekte in China würden von der Regierung voll finanziert, so das Lockangebot, dass in Deutschland aber eher Ängste auslöst.

Humanoider Roboter in Zhuhai
Humanoider Roboter in Zhuhai, Foto: db

Die Ängste seien übertrieben, glaubt Klaus Mühlhahn, Präsident des Deutschen Instituts für die Chinesischen Wirtschaft. Einerseits sei man jetzt an einem Punkt, wo Deutschland auch von China lernen könne. Auch habe China die Bedeutung von Patenten für sich entdeckt. Bis Corona sei deutsches Engagement beständig gewachsen. Trotz des durch die Pandemie erfolgten Einbruchs und den anschließenden geostrategischen Verwerfungen erhole es sich ganz allmählich, ohne schon wieder auf dem alten Niveau zu sein.

Technologisch ist China uns ganz offensichtlich meilenweit voraus. Lebensstil und alle Bereiche der Wirtschaft sind digitalisiert, ohne dabei aber die Tradition aus dem Auge zu verlieren. In der Produktion wurde noch überraschend viel auf Handarbeit gesetzt, da wo es sich rechnet und mit gutem Grund, wie wir gleich sehen werden.

Und Deutschland hat noch immer einen sehr guten Ruf in China. Man habe sehr viel von Deutschland gelernt und dafür sei man dankbar, hörte man im Laufe der beiden Reisewochen immer wieder. Man solle versuchen „Deutsche Gründlichkeit mit Chinesischem Tempo“ verbinden, hieß es bei der Tischrede des ersten Abends. Die Türen stehen überall weit offen, so zumindest der Eindruck dieses Aufenthalts.

In den dynamischen chinesischen Wirtschaftsmetropolen wird noch immer viel gebaut, obwohl der Immobiliensektor schon seit Jahren in der Krise steckt und rasant schrumpft. Ja, man sieht auch Bauruinen, die vor sich hingammeln, aber es wir auch noch viel gebaut, vor allem im Infrastruktursektor. Wir sind an vielen im Bau befindlichen Schnellbahnlinien, Autobahnzubringern und Brückengroßbaustellen vorbeigekommen. Aber auch sonst wird noch viel gebaut, nicht nur Gewerbe-, auch Wohnimmobilien. Trotzdem kriselt es heftig in der Branche mit von außen nicht voll durchschaubaren globalen Risiken. Ich traf eine junge ehemalige Immobilienverkäuferin, die jetzt in einem ganz anderen Bereich sich selbständig gemacht hat und versucht mit viel Charme, Energie und Risikobereitschaft etwas Neues aufzubauen.

Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch und auch ältere Menschen, dazu zählt man in China schon ab 35, haben Probleme Jobs zu bekommen. Die Unzufriedenheit in den ärmeren Schichten ist hoch und deutlich spürbar. Dazu gehören auch bestens technisch ausgebildete Akademiker, die froh sein können, wenn sie einen Job als Auslieferfahrer bekommen – um mit täglich 12 Stunden Arbeit wenigstens ihr Existenzminimum abzusichern. Das Problem, schon lange erkannt und verdrängt, wird jetzt adressiert. Man wird sehen, wie es sich weiterentwickelt.

Die allgegenwärtige Überwachung hingegen fällt im Alltag kaum auf und vermittelt sogar eher ein Gefühl von Sicherheit. Das ist ein Grund, warum das in der Bevölkerung sogar positiv aufgenommen wird. Es hat wohl auch mit der kulturellen DNA zu tun. Chinesen sind sehr sicherheitsorientiert. Das Flugpersonal kontrolliert noch dreimal vor Abflug, ob die Gepäckfächer auch wirklich sicher verschlossen sind, an jeder dritten Treppenstufe ist ein Stolperwarnhinweis angebracht u.s.w. Da passen sich die Kameraüberwachung und Gesichtstracking nahtlos ein.

Begrüßung am Flughafen Peking: "Unfälle vermeiden"
Begrüßung während des Transfers am Flughafen Peking: „Unfälle vermeiden“, Foto: db

Fazit: Noch steht China stark da und schreitet bei der Umsetzung seiner Plane ungebremst und selbstbewusst voran. Noch haben wir einen Top Ruf. Den sollten wir nutzen, um in China auf Augenhöhe zu agieren. Es gibt Konflikte, ohne Zweifel, aber China ist inzwischen wirtschaftlich so stark, dass wir andernfalls an die Wand gedrückt werden. Nur so haben wir eine Chance wirtschaftlich weiter eine Rolle zu spielen, in China, mit China, aber auch darüber hinaus. Das heißt nicht, dass man deswegen Konflikte und Risiken ausblenden soll. Es ist aber Pragmatismus und Diplomatie gefragt.

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