Im Sommer 1972 war die Bundesrepublik, ja die ganze Welt im Olympiafieber. In München sollten die „heiteren Spiele“ ein freundliches Bild der Bundesrepublik Deutschland zeichnen. In der Tat waren die Spiele ein voller Erfolg – die Stimmung ausgelassen, die deutschen Athleten erfolgreich, die Organisation hervorragend. Bis am 5. September alles anders wurde: palästinensische Terroristen überfielen, kidnappten, verletzten und ermordeten israelische Sportler. Nachdem Brundage verkündet hatte „The games must go on“, stand auch für einen bayerischen Hochspringer einer der wichtigsten Momente seiner Sportlerkarriere bevor.

Doch von vorn: Als Hermann Magerl am 4. September 1972 auf dem Bahnhof München Olympiastadion mit seinem kleinen Koffer aus dem Zug ausstieg, war er aufgeregt. Noch eine knappe Woche bis zum Hochsprungfinale der Olympischen Spiele. Wie hatte er sich angestrengt, um hierher zu kommen. Der Kampf eines Olympiateilnehmers beginnt vier Jahre vor dem eigentlichen Wettkampf. Hermann Magerl hatte in dieser Zeit alles gegeben. Vor seiner Abreise nach München war er ein letztes Mal in seinen Gerätekeller gegangen und hatte sich umgeschaut: die Hantelbank, die Reckstange, die Gewichte. Das waren Erinnerungen an unzählige schweißtreibende Trainingstage. Jetzt war er so fit, dass er es weit bringen konnte. Sicher ins Finale. Gold würde er wahrscheinlich nicht gewinnen – aber die Qualifikation wollte er unbedingt schaffen und hoffentlich würde er im Finale unter die ersten fünf kommen. Oder sogar unter die ersten drei.

Nach den schrecklichen Ereignissen des 5. September musste sich Hermann Magerl trotzdem auf den kommenden Wettkampf konzentrieren. Der war nicht nur deshalb am wichtigsten, weil Olympische Spiele das Größte sind. Sondern auch, weil viele Wettkämpfe in der Vergangenheit nicht so verlaufen waren, wie sich Magerl das vorgestellt hatte. Bei den Junioren-Europameisterschaften 1968 boykottierte die Bundesrepublik die Junioren-Europaspiele in Leipzig wegen des Prager Frühlings. Auch 1969 hatte Hermann kein Glück gehabt: Wegen eines Streits um die Starterlaubnis eines ehemaligen DDR-Athleten für die Bundesrepublik wurden alle Einzelstarter von den Leichtathletik-Europameisterschaften in Athen als politisches Zeichen zurückgezogen. Nun sollte alles anders werden.

Es wirkte wie ein Alptraum, dass am 5. September wieder etwas passierte, das alles veränderte. Hermann Magerl fragte sich: Konnte er sich unter diesen schrecklichen Umständen noch auf sein großes Ziel konzentrieren? Hermann Magerls Wettkampf wurde um einen Tag verschoben. Aufgeben war für ihn aber keine Option. Viel zu lange hatte er auf dieses Ereignis hingearbeitet.

Am 10. September war Magerl startklar für den Wettkampf. Noch einmal ging er in Gedanken seine Planung durch, zog seinen Deutschland-Trainingsanzug an, nahm seine Sporttasche und machte sich auf den Weg ins Olympia-Stadion. Als er sich für den Wettkampf erwärmte, begegnete er dem Hochspringer Stefan Junge. Der war auch Deutscher, aber er kam aus der DDR. Dieser andere deutsche Staat versuchte den Wettkampf der politischen Systeme auch auf dem Sportplatz zu gewinnen. Doch Hermann sah in Stefan Junge einen deutschen Sportler, der seine Unterstützung verdient hatte. Deshalb hatte er ihm in der Qualifikation geholfen. Da hatte Stefan Junge vor dem Aus gestanden. Bei 2,12 Meter hatte er schon zweimal gerissen und hatte nur noch einen Versuch. Magerl hatte ihm den Tipp gegeben, seinen Anlauf zu verändern – und ihm so die Qualifikation fürs Finale gesichert.

Trotz der Ereignisse nur fünf Tage zuvor war das Stadion voll, die Menschen jubelten. Bis zur Höhe von 2,18 Meter lief für Hermann Magerl alles nach Plan. Aber bei 2,21 Meter hatte er, wie die Hochspringer so schön sagten, „die Seuche am Fuß“. Es war vorbei. Dreimal hörte Hermann Magerl noch im Flug, wie die Latte auf den Boden krachte.

Stefan Junge hingegen schaffte die 2,21 Meter im zweiten Versuch – und wurde damit Olympiazweiter, der sowjetische Sieger sprang über 2,23 Meter, Dritter wurde ein US-Amerikaner. Hermann Magerl blieb nur der undankbare vierte Platz, die „Blechmedaille“.

Dass er auch Gold erringen konnte, bewies er nur eine Woche später. In Cham wartete eine begeisterte Menge anlässlich des Sepp-Simon-Sportfests auf ihn. Und dort geschah fast ein Wunder. Mühelos sprang Hermann über die 2,21 Meter. 2,24 Meter waren es bei Wettkampfende – es war unfassbar. Das war Weltjahresbestleistung – ein überwältigender Triumph und eine gewisse Tragik, dass es nicht schon früher geklappt hatte.

Besonders wird Hermann Magerls Geschichte aber nicht nur durch Olympia 1972 und dessen besondere Bedeutung in der Geschichte des Sports, sondern durch die Auswirkungen des Kalten Krieges auch auf den Sport. Spannungen, Rivalitäten und Konflikte der beiden politischen Blöcke unter den Weltmächten USA und UdSSR wurden häufig in der Arena ausgetragen. Für Hermann Magerl waren vor allem die Boykotte bestimmend: Wenn Hermann Magerl auch die politischen Dimensionen des Sports bewusst waren und er sie anerkannte, so stellten diese Rückschläge doch bittere Momente dar, die seine sportliche Karriere beeinflussten. Nach den Olympischen Spielen, im besten Hochspringer-Alter, entschied sich Hermann Magerl, der mittlerweile verheiratet und studierter Arzt war, dem Leistungssport aus verschiedenen Gründen den Rücken zu kehren.

Von Dr. Heike Wolter

Anmerk. der Red.: Dass eine solche Lebensgeschichte bis heute bewegt, sieht man am von der Historikerin Dr. Heike Wolter tutorierten Beitrag einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern aus Obertraubling bei Regensburg, dem Heimatort Hermann Magerls. Ihr mit einem dritten Bundespreis ausgezeichneter Beitrag zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten hat es möglich gemacht, die Geschichte von Hermann Magerls Olympia-Abenteuer so plastisch nachzuerzählen. Der Podcast kann jederzeit hier angehört werden. Zudem erscheint 2023 ein neues Ortsgeschichtsbuch der Gemeinde Obertraubling von Heike Wolter, in dem natürlich auch die Geschichte des Hermann Magerl ihren Platz hat.  

Zu den Fotos: Die jungen „Spurensucher“ mit Hermann Magerl (als aktiver Hochspringer weiter unten) und der Tutorin Dr. Heike Wolter im Olympiastadion München (oben), im Herbst 2021 vor dem Schloss Bellevue in Berlin mit ihren Urkunden für den dritten Bundespreis des von der Körber Stiftung organisierten Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten (mitte). Unten vertreten Silas und Lea die Gruppe bei der Preisverleihung durch den Herrn Bundespräsidenten (Quelle: Dr. Heike Wolter).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.